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  5. Bewegte Zeiten: Vom Flickenteppich zur Hochschule Luzern
19. Juni 2017

Bewegte Zeiten: Vom Flickenteppich zur Hochschule Luzern

Brigitte Mürner-Gilli, ehemalige Luzerner Regierungsrätin, erlebte die Gründung der heutigen Hochschule Luzern hautnah mit. In ihrem Gastbeitrag beschreibt sie, wie die sechs Bildungs- und Finanzdirektoren der Zentralschweiz diesen Prozess gestalteten: mit Fingerspitzengefühl und einem langen Atem.

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Strukturbereinigung: Die Zentralschweiz erhält in den 1990er Jahren in Luzern ihr Hochschulzentrum. (Bild: Reportair.ch)

Das Bildungsangebot unserer Region entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem regelrechten Flickenteppich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sich die Wirtschaft schnell erholt, Industrie und Handel blühten. Parallel dazu veränderten sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse: Bildung wurde zu einem entscheidenden Faktor für den sozialen Aufstieg, und die Berufsbildung der Frauen gewann an Bedeutung. Zu den traditionellen Bildungseinrichtungen – Volksschulen, Berufsschulen, Gymnasien, Lehrerseminaren und Universitäten – gesellten sich Diplommittelschulen und Fachschulen aller Art.

Starker und willkommener Motor: ein Bundesbeschluss

Um dem unkoordinierten Wachstum Einhalt zu gebieten, aber auch um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, entschied sich der Bund in den 1990er Jahren, sieben regionale Fachhochschulzentren zu errichten. Der Zugang zu den Fachhochschulen sollte über die Berufsmatura erfolgen – damit wurde das für unser Land typische duale Bildungssystem gestärkt. 

Den Kantonen oblag es, den Auftrag des Bundes umzusetzen und die nötigen Strukturbereinigungen vorzunehmen. Sie waren nun in der Pflicht, verschiedene Fachschulen mit ähnlichen Fächern zusammenzuführen, privat und öffentlich getragene Schulen unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die der Bund den Kantonen versüsste, indem er grosszügig finanzielle Mittel zur Verfügung stellte – so fiel es leichter, Einzelinteressen und Lokalpatriotismus über Bord zu werfen.

Günstige Ausgangslage in der Zentralschweiz

Die Strukturbereinigung verlief in der Zentralschweiz im Gegensatz zu anderen Regionen reibungslos, gab es doch keine inhaltlichen Doppelspurigkeiten, und die Höheren Fachschulen waren bereits am Hauptort der Zentralschweiz, in Luzern, konzentriert. In Verteilkämpfe involviert wurden die Zentralschweizer Kantone nur gerade bei einem Schwerpunkt: Textildesign. Diesen beanspruchte auch die FH Zürich für sich. Der Kampf wurde so intensiv geführt, dass der Bund schliesslich entscheiden musste. Er entschied zugunsten unserer Region.

Knacknüsse: Fusionen und Finanzierung

Während die Fachschulen im Bereich Wirtschaft (Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule HWV), Technik (Zentralschweizerisches Technikum Luzern ZTL und Abendtechnikum ATIS) und Gestaltung (Schule für Gestaltung SfG) in den Kompetenzbereich des Bundes fielen, war die Strukturbereinigung bei den höheren Fachschulen in kantonaler Zuständigkeit schwieriger – zumal sie sich allesamt in privater Trägerschaft befanden.  

Herausforderungen brachte insbesondere der Bereich Musik, für den es in der Stadt Luzern drei voneinander unabhängige Schulen mit je eigener Identität gab: Konservatorium, Akademie für Schul- und Kirchenmusik und Jazzschule. Bevor sie in die Fachhochschule integriert werden konnten, musste eine Fusion aller drei Institutionen vorgenommen werden, was langwierige Verhandlungen erforderte. 

Die Höhere Fachschule für Soziale Arbeit befand sich glücklicherweise bereits in einer einzigen Trägerschaft und liess sich relativ einfach in die Fachhochschule der Zentralschweiz (FHZ) eingliedern.  

Ein Konkordat wird gebildet

Die Innerschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (heute Bildungsdirektorenkonferenz BKZ) hatte sich bereits 1994 auf die Fahnen geschrieben, «ihre» Fachhochschule gemeinsam zu konzipieren, zu planen, zu realisieren und finanziell zu tragen. In der Zwischenzeit war man einen weiten Weg gegangen, doch über die Finanzierungsvereinbarung kam es zwischen den Zentralschweizer Kantonen zu einem harten Kampf. Der Bund versprach zwar recht ansehnliche Subventionen, und auch eine Schweizerische Fachhochschulvereinbarung stellte akzeptable Beiträge für ausserregionale Studierende in Aussicht, aber der gemeinschaftlich zu tragende Rest war immer noch gross.  

Als Vertreterin des Trägerkantons Luzern war es meine Aufgabe, zusammen mit den fünf anderen Bildungs- und Finanzdirektoren einen Finanzierungsschlüssel für die FHZ auszuhandeln. Eine Aufgabe, die zwei volle Jahre beanspruchte. Während meiner zwölf Jahren als Regierungsrätin hatte ich keinen härteren Kampf auszutragen. Aber schlussendlich kam ein für alle tragbarer Kompromiss zustande und die Kantone schlossen sich zu einem Konkordat zusammen.

Ende gut – alles gut!

Als eine der ersten schweizerischen Fachhochschulen konnte die FHZ bereits im Jahr 1997 durch ein recht pragmatisches Vorgehen ihren Betrieb starten, obwohl die Bundesrätliche Verfügung zur Schaffung der sieben regionalen FHs erst am 2. März 1998 erfolgte.

In meiner Erinnerung war der Prozess der Gründung nicht leicht, aber er ist gut gelungen. Es gab keinen idealeren Zeitpunkt – die finanziellen Mittel und der politische Wille waren vorhanden, einen grossen Wurf zu machen. 

Unsere Region ist durch die Zentralschweizer Fachhochschule, die heutige Hochschule Luzern, und danach auch durch die Universität zu einem bedeutenden und angesehenen Bildungsplatz unseres Landes geworden, der grosse Strahlkraft auf die Wirtschaft, die Kultur und die Gesellschaft ausübt. Durch ihre Nähe zu Unternehmen und Institutionen aus allen Branchen und Bereichen ist die Hochschule Luzern fest in der Region verankert. Sie hat ein hohes Niveau in Lehre und Forschung und erscheint doch nicht abgehoben. Sie wird von der Bevölkerung und ihren politischen Vertretern getragen, die vom Nutzen «ihrer» Fachhochschule überzeugt sind.

Erfolgsgeschichte weiterschreiben

Die Gründung war damals ein grosser gemeinsamer Effort der sechs Kantone. Auch heute noch, nach 20 Jahren, spielt die Fachhochschule für den Zusammenhalt über die Kantonsgrenzen eine wichtige Rolle. 

Was mich an der Entwicklung der Hochschule Luzern besonders freut, ist das Festhalten an einem Profil, das durch intensiven Praxisbezug und grosse Innovationskraft geprägt ist. Ich hoffe sehr, dass es ihr gelingt, dieses Profil zu behalten und gleichzeitig für die Erfordernisse der Zeit offen zu bleiben. Ich wünsche der Hochschule Luzern die nötige Unterstützung dafür, dass sie sich weiter entwickeln und ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben kann.

Autorin: Brigitte Mürner-Gilli
Bild: Reportair.ch

Kategorie: Das Magazin

Themen: Geschichte

Das Jubiläumsmagazin

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Statement

«Der härteste Kampf war der Kampf um den Finanzierungsschlüssel.»

Brigitte Mürner-Gilli

FH Zentralschweiz

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