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  5. Porträts: Zukunftsblicke
15. Februar 2016

Porträts: Zukunftsblicke

Wie entwickelt sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren? Mitarbeitende und Studierende der Hochschule Luzern wagen eine Prognose. Jeder für sein Gebiet – und doch überraschend einhellig.

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Marcel Altherr und Andreas Brandenberg: Algorithmen ersetzen Experten

Studien gehen davon aus, dass sich bis 2020 das weltweite Datenvolumen verzehnfachen und auf 44 Zettabyte ansteigen wird – das sind 44 Billionen Gigabyte. «Diese Datenflut führt zu einer kompletten Umwälzung der Arbeitswelt», sagt Marcel Altherr. Er leitet zusammen mit Andreas Brandenberg den Interdisziplinären Schwerpunkt Datenwelten der Hochschule Luzern.

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Menschen werden ihre Stelle verlieren, weil Roboter ihre Arbeit effizienter erledigen können. «Nicht nur Angestellte in der Produktion sind betroffen. Auch spezialisierte Fachpersonen», sagt Brandenberg. Anlageberater beispielsweise oder Epidemiologen – deren Empfehlungen und Einschätzungen könnten auch Algorithmen geben. «Hinter Big Data steht das ungeheure Versprechen, dass sich Verstehen durch Datenverarbeitung ersetzen lässt», so Brandenberg. 

Google macht es vor: Die Suchmaschine braucht kein Fachwissen, um die einschlägigen Websites in einem Fachgebiet zu identifizieren. Wegen Software würden auch immer mehr bestehende Geschäftsmodelle unter Druck geraten, erklärt Altherr: «Airbnb hat weltweit mehr Betten als die Hilton-Gruppe, ohne dafür eine teure Infrastruktur und die Löhne von vielen Mitarbeitenden finanzieren zu müssen.» Gleichzeitig werde Big Data die Organisationsstrukturen von Unternehmen auf den Kopf stellen. «Das klassische Top-down-Management hat ausgedient, weil es bei Entscheidungen viel zu träge ist.» 

Die Digitalisierung stellt zudem die Wissenschaft vor grundlegende – oftmals ethische – Fragen: Wer trägt die Schuld, wenn sich ein Algorithmus irrt? Nach welchen Kriterien soll sich ein autonomes Auto bei einem Unfall entscheiden, wenn es ein Kind auf der Strasse überfahren muss, um den Passagier zu retten? Dass sich der Mensch mit Roboter und Software selber abschafft, glauben die beiden Dozenten nicht. 

«Diese Angst besteht seit der Industrialisierung», sagt Brandenberg. Altherr spricht vielmehr von einer «disruptiven gesellschaftlichen Veränderung, über die wir uns bereits heute Gedanken machen sollten». Weil es vielleicht mal für zu viele Menschen zu wenig Arbeit gibt, wenn diese von Maschinen und Software ausgeführt wird. «Deshalb», so Altherr, «befürworten viele Anhänger von Robotik ein bedingungsloses Grundeinkommen.»

Fotos: Angel Sanchez, Text: Yvonne Anliker, Simone Busch, Valeria Heintges

Kategorie: Das Magazin
Hochschule Luzern, Soziale Arbeit, Design Film Kunst, Wirtschaft, Informatik
Themen: Design Management, Digitalisierung, Mobilität, Soziokulturelle Entwicklung, Design, Soziales

Arbeitswelt von morgen, Titelillustration von Rahel Nicole Eisenring

Schwerpunkt Arbeitswelt von morgen

Er hat den ganzheitlichen Manager im Visier – Jan-Erik Baars, Leiter Bachelor Design Management, International. @Angel Sanchez
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Jan-Erik Baars: Zahlen und Gefühl verbinden

Der Karton stand auf dem Flur. Genau vor Jan-Erik Baars’ Büro. Alle Mitarbeitenden gingen daran vorbei, aber niemand räumte ihn weg. Auch nicht, als Baars ihn mitten in den Gang stellte. Das brachte den Leiter des Bachelor-Studiengangs Design Management, International auf die Palme.

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Baars berief eine Sitzung ein und stellte seine Leute zur Rede. Das Argument «Es ist doch nicht mein Karton» bringt ihn heute noch in Rage. «Es war schliesslich unser aller Büro! Und auch unser gemeinsames Unternehmen!» Jan-Erik Baars, Leiter des Bachelors Design Management, International am Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern, erzählt die Anekdote, um die Inhalte des Studiums zu erläutern. «Design Management dreht sich um Ganzheitlichkeit, aber ganz ohne Esoterik.» 

Die Studierenden sollen lernen, nicht nur in den Silosäulen eines klassischen Organigramms zu denken – mein Karton, mein Büro, meine Abteilung –, sondern auch quer – unsere Arbeit, unser Produkt, unsere Kunden. Sie sollen die Firmenstrukturen dieser Denkweise anpassen. Nicht umgekehrt. Designmanager verbinden Design und Management, Gefühl und Zahlen: Sie denken etwa ein neues Restaurant vom Gast her und stimmen alles aufeinander ab: die Ausstattung, die Küche und das Ambiente. 

Ein solch durchdachtes Konzept findet immer Besucher, auch wenn andere Restaurants in der Nähe sind. Weil Design nicht das Tüpfelchen auf dem i, sondern Kern des Konzepts ist. Vielleicht wird in 15 bis 20 Jahren in allen Unternehmen horizontal gedacht, sagt Baars. Alle Mitarbeitenden wären dann «T-shaped Persönlichkeiten»: Mit den Beinen steht jeder im Fachgebiet, in seiner Abteilung. Aber mit ausgestreckten Armen reicht er hinüber zu seinen Mitmenschen, mit Empathie, mit der Fähigkeit zur Kommunikation, zur Interaktion, mit der Bereitschaft, Aufgaben überhaupt zu sehen und dann auch zu übernehmen. Diese Menschen räumen Kartons aus dem Flur, auch wenn sie sie nicht hingestellt haben. Baars sagt: «Fachleute könnte ich als Freiberufler einstellen, aber breit denkende und handelnde Persönlichkeiten braucht jeder Betrieb, der in Zukunft überleben will. Denn Wirtschaft ist von Menschen für Menschen!»

Selbstbewusstsein und ein guter Umgang mit Menschen werden für Arbeitnehmer immer wichtiger, sagt Patricia Buchegger, HR Managerin bei Emmi. @Angel Sanchez
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Patricia Buchegger: Die Freiheit geb´ ich dir

Bei Patricia Buchegger hat die digitale Zukunft schon begonnen. Die Chefin der Abteilung Human Resources der Division Americas von Emmi rekrutiert das Führungspersonal für die zwölf Standorte in Kanada, den USA, Chile, Frankreich, Spanien und Tunesien. 

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Diese Führungskräfte wiederum haben rund 1’700 Mitarbeitende unter sich. Rekrutiert wird per E-Dossier und über Skype- oder Videokonferenzen. «Als ich vor vier Jahren anfing, arbeiteten die amerikanischen Kollegen schon längst so», erzählt Buchegger. «Damals konnte ich mir gar nicht vorstellen, es ebenfalls zu tun.» Wenn nur noch wenige Kandidaten übrig sind, folgt das persönliche Gespräch. 

Drei- bis viermal im Jahr reist die 43-Jährige an die Standorte. Erst kürzlich entpuppte sich nach mehreren Videokonferenzen ein Kandidat in der Begegnung als viel positiver als gedacht. «Nichts kann das persönliche Gespräch ersetzen, nur dort merke ich, was zwischen den Worten liegt», sagt Buchegger, die den Executive MBA an der Hochschule Luzern besucht. Das Finden guter Leute funktioniert immer weniger ohne ein Netzwerk, das in den sozialen Medien, aber auch auf Messen und mit hauseigenen Traineeprogrammen ausgebaut und gepflegt wird. 

Dabei sind die Fachkenntnisse des Bewerbers zwar wichtig für eine Einstellung, aber Buchegger sucht immer mehr nach «persönlichen und sozialen Fähigkeiten». Sie listet auf: flexibles Denken, Resistenz gegen Stress, ein entspannter Umgang mit Veränderung, Selbstbewusstsein, das nichts mit Überheblichkeit zu tun hat, und ein guter Umgang mit Menschen. Das seien Fähigkeiten, die alle bräuchten, schon jetzt und in Zukunft noch mehr. Und zwar auf allen Ebenen. «In manchen unserer Werke arbeiten Menschen aus 30 Nationen, damit muss jeder Mitarbeitende umgehen können.»

Für die Arbeitgeber werde es immer anspruchsvoller, gute Leute zu halten, denn es bleibe kaum noch jemand ein Leben lang in einem Unternehmen. Zugespitzt heisst das: Freiheiten haben Arbeitnehmer nicht mehr nur, wenn sie sich trauen, sie sich zu nehmen. Vielmehr sollte sie der Arbeitgeber gewähren, um gute Kräfte zu halten.

Zwischen Jung und Alt zu vermitteln, das wird künftig noch relevanter, sagt die angehende Soziokulturelle Animatorin Corinne Küng. @Angel Sanchez
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Corinne Küng: Ältere Menschen im Fokus

«Soziokultur fördert das Zusammenleben. Unsere Arbeit gewinnt daher an Bedeutung », ist die Bachelor-Studentin und angehende Soziokulturelle Animatorin Corinne Küng überzeugt. «Weil immer mehr Menschen verschiedener Generationen, Nationen und Kulturen in unserem Land leben werden.» 

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Die Gründe: Die Anzahl älterer Menschen und deren Lebenserwartung steigen weiter, zudem wird die Schweiz auch in den nächsten Jahren ein beliebtes Zuwanderungsland bleiben. Gleichzeitig ist die Vielfalt der Lebensentwürfe grösser geworden: Regenbogenfamilie trifft auf traditionelles Elternpaar, Familienvater auf Geschäftsfrau usw. «Die gesellschaftlichen Veränderungen bedingen, dass insbesondere ältere Menschen stärker in den Fokus der Soziokultur rücken müssen», sagt die 28-Jährige. 

Die Studentin geht mit gutem Beispiel voran und arbeitet beim Pilotprojekt Vicino Luzern, das die Nachbarschaftshilfe in der Stadt stärken will, damit Senioren möglichst lange zu Hause leben können. «Und es ist wichtig, dass wir noch mehr zwischen Jung und Alt sowie den Kulturen vermitteln.» Dabei gehe es nicht darum, die Gruppen zwingend für ein gemeinsames Projekt zu begeistern. «Das macht nicht immer Sinn. Aber es braucht Orte und Situationen für Begegnungen.» 

Deshalb unterstützen Soziokulturelle Animatorinnen und Animatoren Menschen mit verschiedensten Hintergründen bei der Realisierung eigener Ideen. In der Quartier- und Stadtentwicklung stellen sie sicher, dass die Betroffenen mitwirken können, und vermitteln den Kontakt zu den Behörden. «Die Nähe zur Bevölkerung ermöglicht uns zudem, frühzeitig zu spüren, wo der Schuh drückt.»

Keine Angst vor dem Neuen – das rät Pius Muff, Leiter Ausbildung am Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern, für die Zukunft. @Angel Sanchez
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Pius Muff: Der Wandel kommt nicht über Nacht

Pius Muff ist als Leiter Ausbildung für die rund 1’800 Studierenden des Departements Wirtschaft verantwortlich. Und damit auch für deren berufliche Zukunft. 

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«Dafür stehen wir im engen Kontakt zu möglichen Arbeitgebern», sagt Muff. Früher legten diese vor allem Wert darauf, dass ihre Mitarbeitenden fachlich versiert sind. «Das allein reicht heute nicht mehr. Genauso wichtig sind Flexibilität, Reflexionsfähigkeit und ein kompetenter Umgang mit Informationen.» Daher werde den Studierenden heute von Grund auf vermittelt, wie man mit Neuem umgeht, Dinge hinterfragt, nötiges Wissen findet – und all das letztendlich sinnvoll einsetzt. 

Da die meisten Dozierenden über Praxiserfahrung verfügen und gut die Hälfte der Studierenden neben dem Studium bereits im Berufsleben steht, bewegen sich Muff und seine Mitarbeitenden ständig am Puls der Arbeitswelt. «Jedoch sollte man sich auch nicht von jedem Hype – sei es in Bezug auf neue Techniken oder neue Arbeitsformen – verrückt machen lassen», rät Muff, der auf 35 Jahre Berufserfahrung blicken kann. Am Ende stehe immer der Mensch im Mittelpunkt, «und der ändert seine Bedürfnisse nicht so schnell». 

So sei der persönliche Austausch zwischen Dozierenden und Studierenden wichtig wie eh und je und spiele für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen und die Motivation nach wie vor eine grosse Rolle. «Auch für jene, die bestens mit den elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten vertraut sind.» Was die Zukunft wirklich mit sich bringen wird, das weiss auch Muff nicht, aber er ist sich sicher: «Der Wandel kommt nicht über Nacht, und wer neugierig und offen bleibt, ist am besten gewappnet.»

Andreas Brandenberg (links) und Marcel Altherr haben die Datenflut im Blick und die Berge samt Bahnhof vor dem Fenster. @Angel Sanchez
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