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  5. Gemeindefusionen
4. Februar 2015

Gemeindefusionen: Zusammenwachsen – Zusammen wachsen

Die Schweiz zählt heute 2'325 Gemeinden, im Jahr 1850 waren es noch 3'203. Doch obwohl Fusionen rational betrachtet Vorteile bieten, scheitern viele an der Urne. Experten der Hochschule Luzern unterstützen Gemeinden bei der anspruchsvollen Entscheidung, ob sie zusammenspannen möchten oder nicht.

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Kategorie: Das Magazin
Hochschule Luzern
Themen: Infrastruktur, Mobilität, Verwaltung, Betriebswirtschaft, Management & Leadership

Titelillustration Magazin vielversprechende Verbindungen, Eva Rust

Schwerpunkt: Vielversprechende Verbindungen

Vielleicht bald eins: Blick vom Weissenstein auf den Lebensraum Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil. (Bild: Hansjörg Sahli)

Wohnen im Grünen, zum Arbeiten in die Stadt, am Wochenende in die Berge – was heute durch das Auto und den öffentlichen Verkehr selbstverständlich ist, war im 19. Jahrhundert noch unvorstellbar. Damals spielte sich das Leben innerhalb ein und derselben Dorfgemeinschaft ab, in der auch die öffentlichen Aufgaben organisiert waren. «Die Gemeinden bildeten historisch gewachsene Aufgaben- und Problemlösungsgemeinschaften, in die das Individuum solidarisch eingebunden war – etwa durch Mitbestimmungsrechte oder steuerliche Pflichten», erklärt Stephan Käppeli vom Institut für Betriebs- und Regionalökonomie IBR der Hochschule Luzern.

Gemeinden sind keine Problemlösungsgemeinschaften mehr

Mit der Trennung von Wohnen und Arbeiten im 20. Jahrhundert änderte sich das. Distanzen relativierten sich, die Erde wurde zum Dorf. Wer in der Schweiz wohnt und älter als sechs Jahre ist, legt heute im Durchschnitt fast 37 Kilometer pro Tag zurück. «Die Gemeindegebiete, deren Grenzen im Wesentlichen noch aus dem 19. Jahrhundert stammen, werden den Lebensräumen der Menschen längst nicht mehr gerecht», sagt Stephan Käppeli. Gemeinden können ihre Funktion als Aufgaben- und Problemlösungsgemeinschaften nicht mehr autonom wahrnehmen. Sie sorgen vielmehr gemeinsam dafür, dass etwa öffentliche Verkehrsmittel für die Fahrt zwischen Wohnung und Arbeitsort zur Verfügung stehen.

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Mehr Schnittstellen zwischen Gemeinden erhöhen den Aufwand

Gemeinden kooperieren deshalb heute in vielen Bereichen. Dafür schliessen sie untereinander Verträge ab oder bilden Gemeindeverbände. «Das kann sehr gut funktionieren. Je zahlreicher jedoch die gemeinsam zu lösenden Aufgaben sind, umso zahlreicher werden die Schnittstellen und umso schwerfälliger die Entscheidungsprozesse», so Käppeli. Eine weitere Möglichkeit, das Wirkungsgebiet von Gemeinden an den Lebensraum der Bevölkerung anzugleichen, ist eine Gemeindefusion. Hier vereinen sich mehrere eigenständige Gemeinden zu einer einzigen Gemeinde. 

Ökonom Stephan Käppeli begleitete bereits verschiedenste solcher Fusionsvorhaben, darunter die Fusion von Willisau Stadt und Willisau Land im Jahr 2006. Derzeit betreut er als Projektleiter das Fusionsvorhaben «Solothurn Top 5», bei dem sich die Gemeinden Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil auf einen Zusammenschluss vorbereiten. Stephan Käppeli und sein Team stehen den Gemeinden beratend zur Seite und unterstützen sie beim Durchlaufen des mehrstufigen demokratischen Prozesses. «Den Entscheid über die Fusion fällen die Stimmbürger der fünf Gemeinden letztlich Vielversprechende Verbindungen Fotos: Hansjörg Sahli, zVg an der Urne, darauf nehmen wir keinen Einfluss», betont er.

Das Ziel: Eine Raumplanung, eine Stimme, einfachere Prozesse  

Eine Fusion böte den fünf Gemeinden zahlreiche Chancen, wie eine Analyse des Projektteams zeigte:

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  1. Neben der einfacheren Abwicklung gemeinsamer Aufgaben lägen die grössten Vorteile bei einer umfassenden Raumplanung», erklärt Stephan Käppeli. 
  2. Heute hat jede Gemeinde eine eigene Zonenplanung, mit der sie Teile ihres Gemeindegebiets verschiedenen Nutzungen wie Wohnen, Gewerbe, Industrie und Erholen zuweist. Während die eine Gemeinde erstklassige Siedlungsreserven hat, aber keine weiteren Unternehmen ansiedeln kann, verfügt eine andere Gemeinde über ungenutzte Industrieareale, stösst aber bei den Wohngebieten an Grenzen. Durch eine gemeinsame Raumplanung liesse sich der gesamthaft verfügbare Raum den verschiedenen Nutzungen bedürfnisgerechter zuweisen. «Damit könnten die Gemeinden ihre Position im härter werdenden Standortwettbewerb verbessern und gemeinsam von zusätzlichen Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen profitieren», erklärt Stephan Käppeli. 
  3. Darüber hinaus hätte eine fusionierte Stadt Solothurn mit 45’000 Einwohnern grösseres politisches Gewicht im Kanton und in der Region. 

Diesen Chancen stehen Risiken gegenüber, etwa ein gefühlter Verlust an politischen Einflussmöglichkeiten in den vormals eigenständigen Stadtteilen und eine geringere Bereitschaft der Bevölkerung, sich politisch und sozial zu engagieren. Weil die von der Fusion erwarteten Chancen die Risiken überwogen, beschlossen die Gemeindeversammlungen von Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil, gemeinsam einen Entwurf des Fusionsvertrags auszuarbeiten.

Bevölkerung in den Fusionsprozess miteinbeziehen 

Ab diesem Zeitpunkt war es zentral, die Bevölkerung in den Prozess einzubeziehen, denn: «Anders als etwa in Deutschland, wo Fusionen ‹von oben› verordnet werden», so Käppeli, «entscheidet die Stimmbevölkerung in Schweizer Gemeinden in der Regel autonom über einen Zusammenschluss. » Und «strategische Fusionen», die nicht auf einer wirtschaftlichen Notlage basieren, haben es an der Urne erfahrungsgemäss schwer. «Solange die gemeinsamen Aufgaben auch in anderen Kooperationsformen gelöst werden können, entscheiden sich viele für den Status quo. Die Bereitschaft zur Veränderung ist dann oft zu gering», erklärt Stephan Käppeli. 

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Historische Konflikte berücksichtigen

Darüber hinaus können historische Konflikte ein Fusionsvorhaben belasten, wie jüngst das Beispiel von Basel-Stadt und Basel-Landschaft zeigte, sowie die Angst vor einer Anonymisierung des Lebensraums oder einem Identitätsverlust. «Die Identifikation mit dem Gemeinwesen ist in der Schweiz auf Gemeindeebene immer noch am stärksten», erklärt Käppeli. «Bei Fusionen kann es deshalb sinnvoll sein, den neuen Stadtteilen bestimmte Kompetenzen zu überlassen und sie mit eigenen Organen und Budgets auszustatten. » Hierbei könnten Prinzipien und Strukturen, wie man sie aus der Quartierentwicklung kennt, hilfreich sein (siehe dazu das Interview auf Seite 12). 

Öffentliche Foren als Basis für die Stadt-Vision

Um die Bevölkerung in die Gestaltung ihres künftigen Lebensraumes einzubinden, fanden in den fünf Gemeinden öffentliche Foren statt. Dort konnten die Teilnehmer ihre Hoffnungen, Ängste und Bedürfnisse einbringen. Die Ergebnisse flossen in eine Beschreibung der zentralen Charakteristika der künftigen Stadt Solothurn ein. Diese Vision wurde anschliessend in Interessengruppen weiterentwickelt, die sieben bis zehn Vertreter der Bevölkerung aus «Freizeit und Kultur », «Wirtschaft und Gewerbe», «Jung und Alt» sowie «Politik» umfassten. «Mit diesem Vorgehen ist es gelungen, eine relativ breit abgestützte Grundlage für die weiteren Arbeiten zu schaffen», erklärt Stephan Käppeli. 

Von der Vision zum Fusionsvertrag

Von dieser gemeinsamen Vision bis hin zu einer tadellos funktionierenden Gemeindeverwaltung brauchte es allerdings noch viel Arbeit und fachliches Know-how. Mit der konkreten inhaltlichen Ausgestaltung sowie der Organisation des künftigen Gemeinwesens beschäftigten sich Fachgruppen aus Mitarbeitenden der beteiligten Gemeinden. Sie entwickelten detaillierte Konzepte, etwa für die Bereiche Gesundheit und Soziales; Bildung; Raumplanung, Bau und öffentliche Infrastruktur; Ver- und Entsorgung; Öffentliche Sicherheit; Behörden und Verwaltung sowie Finanzen und Steuern, die die Grundlage für den Fusionsvertrag bildeten. Dieser wird Ende März 2015 zur Vernehmlassung den lokalen Parteien und Organisationen zugestellt. Stösst der Vertrag mehrheitlich auf Zustimmung, soll die Fusion noch im Herbst 2015 vors Volk kommen. 

Externe Berater behalten den Überblick 

Zu diesem Zeitpunkt werden mehr als fünf Jahre intensiver Zusammenarbeit zwischen dem Team um Stephan Käppeli und den beteiligten Gemeinden liegen. «Der politische Prozess, der hinter uns liegt, ist komplex und anspruchsvoll. Wir sind sehr glücklich über die kompetente Unterstützung, die wir von den Experten der Hochschule Luzern erfahren haben», sagt Kurt Fluri, Stadtpräsident der Gemeinde Solothurn. Er hofft, dass sich die Bevölkerung von der Vision einer gemeinsamen Stadt Solothurn anstecken lässt und die Vorlage annimmt. «Wir sind überzeugt, dass die Fusion langfristig für alle ein Gewinn ist.» 

Entscheid an der Urne: Steuerfuss als Stolperstein?

Wie die Abstimmung letztlich ausgehen wird, ist trotzdem ungewiss. Am Ende könnte die Fusion am gemeinsamen Steuerfuss scheitern. «Schliessen sich Gemeinden mit unterschiedlich hohem Steuerfuss zusammen, liegt derjenige der fusionierten Gemeinde in der Regel irgendwo dazwischen», erklärt Stephan Käppeli. Die Fusion der Stadt Olten mit den Gemeinden Trimbach, Hauenstein-Ifenthal und Wisen, die Stephan Käppeli damals ebenfalls begleitete, scheiterte 2012 zu einem grossen Teil, weil für die Oltener der Steuerfuss nach der Fusion gestiegen wäre. Dies könnte auch in Solothurn passieren: «Der Steuerfuss der Stadt ist heute tiefer als derjenige in den anderen vier Gemeinden», erklärt Kurt Fluri, Präsident der Stadt Solothurn. «Durch Einsparungen bei der Verwaltung und weitere Synergieeffekte sollte sich der Steuerfuss der fusionierten Stadt jedoch langfristig auf dem Niveau des heutigen Solothurns einpendeln.» 

Kurt Fluri ist zuversichtlich, dass die Stimmberechtigten bei der Abstimmung Weitsicht zeigen werden. Wird die Fusion in allen fünf Gemeinden angenommen, begehen sie den 1. Januar 2018 als vereinte Stadt Solothurn. Kurt Fluri: «Das wird für uns eine ganz besondere Silvesternacht, mit einem besonders guten Grund, zu feiern.» 

Autorin: Simona Stalder

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Weitere Artikel aus dem MAgazin, Februar 2015

Statement

«Wir sind überzeugt,dass die Fusion langfristig für alle ein Gewinn ist.»

Kurt Fluri, Stadtpräsident Solothurn

  • Gemeindefusionen
  • Interview mit Barbara Emmenegger: Die Bevölkerung soll ihren Lebensraum aktiv gestalten

Prof. Stephan Käppeli

Projektleiter Solothurn Top 5

+41 41 228 42 31

E-Mail anzeigen

Statement

«Die grössten Vorteile einer Fusion liegen bei einer umfassenden Raumplanung.»

Stephan Käppeli, Hochschule Luzern

FH Zentralschweiz

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