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beyond integrity Informelle Governance, Straflosigkeit und Wiederaufbau

Die Analyse von Korruption sollte nicht nur fragen, wer schuldig ist, sondern auch wer von den Strukturen geschützt wird.

In Ländern, in denen Informalität tief verwurzelt ist, stellen Fälle von Korruption kein Versagen des Systems dar, sondern sind Teil seiner Funktionsweise: Zugang zu Ressourcen und Chancen, sowie Schutz und Straflosigkeit sind ungleich verteilt. Recht wird nicht einfach gebrochen, sondern selektiv angewandt – gegen die einen wird es angewandt, bei anderen wird das Recht nicht durchgesetzt.
Wer strukturelle Korruption verstehen oder eindämmen will, fragt deshalb nicht in erster Linie, wer schuldig ist, sondern welche Machtkonfiguration darüber entscheidet, wer Schutz geniesst und wer schutzlos bleibt. Der Forschungsschwerpunkt untersucht, wie solche Machtkonfigurationen aussehen, die Reformen überdauern und sich reproduzieren – und welche Folgen dies für Investitionen und Wiederaufbauprojekte zeigt.
Ein tadelloses Audit kann bedeuten, dass Geld genau dort versickert, wohin das Audit nicht blickt. Das ist kein Versäumnis der Instrumente, sondern Folge ihrer Bauart: Sie prüfen die Regelkonformität, während die Weichen eine Ebene höher gestellt werden – dort, wo die formalen Verfahren entstehen.

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Warum das für Geber, Unternehmen und NGOs bedeutsam ist

Eine Untersuchung zur Unternehmensintegrität in der Ukraine (2026) zeigt: 37% der formal regelkonformen, ethisch handelnden Firmen verloren an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Konkurrenten, die informellen Praktiken einsetzen. Ausgerechnet diejenigen öffentlichen Institutionen, die integre Unternehmen schützen sollen, schnitten am schlechtesten ab. Die Baubranche, der für den Wiederaufbau zentrale Sektor, liegt im untersten Integritätssegment. Die herkömmliche Deutung ist, dass es sich um eine “Kapazitätslücke” handle, die sich mit mehr Schulung und mehr Compliance schliessen lasse. Der Reflex ist, noch mehr Compliance zu verlangen. Doch dies bringt das Feld nur weiter in Schieflage, was integer handelnde Unternehmen noch mehr belastet und die Asymmetrie unangetastet lässt.
Ein ausländischer Akteur kann auf dem Papier alles richtig machen und die problematischen Strukturen trotzdem aufrecht erhalten. Im Umfeld hoher Informalität bescheinigen die üblichen Instrumente, etwa Korruptions-Wahrnehmungsindizes, Compliance-Checklisten, oder Register wirtschaftlich Berechtigter, nur die Form. Das Risiko steckt hingegen in Konfigurationen, die durch diese Instrumente gar nicht erfasst werden. Es entsteht ein wiederkehrendes Muster: Institutionen werden aufgebaut, Audits bescheinigen Integrität – doch die Vereinnahmung der Institutionen läuft eine Ebene höher weiter. 
Der Wiederaufbau der Ukraine verschärft die Situation, weil die grössten Mittelströme des Jahrzehnts in kurzer Zeit genau in jene Positionen fliessen, die sich am leichtesten vereinnahmen lassen. Ob ein Mittelstrom diese Konfiguration verändert oder verfestigt, ist keine Frage der Moral, sondern der Programmgestaltung – und sie vor dem Geldfluss zu beantworten, ist billiger, als die Antwort im Nachhinein zu bezahlen.

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Forschungsgrundlage

Die konzeptionelle Grundlage dieses Ansatzes erscheint 2026 als Buchtrilogie von Michael Derrer bei Peter Lang Academic Publishers:

  •  Redefining Corruption (300 Seiten) entwirft den analytischen Rahmen: Korruption als Gesellschaftsfeld, das Zugang, Schutz und Straflosigkeit ordnet. Im Zentrum steht das Corruption Dynamics and Resilience Framework, ein Vokabular aus zwölf Begriffen, dessen Vergleichseinheit nicht ein Länder-Wert ist, sondern eine Konfiguration – wodurch es sich über Sektoren und Regionen hinweg anwenden lässt.
  • Corruption, Extortion, and Power in Russia and Ukraine (300 Seiten) zeichnet die Mechanik nach: selektive Rechtsdurchsetzung, Rentenabschöpfung und Schutz durch persönliche Netzwerke – und warum solche Arrangements Reformen überdauern.
  • Shifting Dynamics of Corruption (300 Seiten) liefert die empirische Grundlage: 55 Interviews in Moskau und Kiew.

Die Trilogie hat Empfehlungsschreiben führender Governance-Praktiker und Wissenschaftler erhalten, darunter:

  • Peter Maurer – Präsident des Basel Institute on Governance; ehemaliger Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK)
  • Thomas Greminger – Direktor des Geneva Centre for Security Policy; ehemaliger OSZE-Generalsekretär
  • Alena Ledeneva – Sozialanthropologin, University College London; Gründerin des Global Informality Project
  • John W. Meyer – Soziologe, Stanford University; Begründer der World-Society-Theorie
  • Ivan Krastev – Politikwissenschaftler, Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), Wien
  • Bálint Magyar – Politikwissenschaftler; ehemaliger ungarischer Bildungsminister
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Vorträge und wissenschaftlicher Austausch

Auf Einladung hat Prof. Derrer seine Arbeit international vorgestellt:

  • Elliott School of International Relations, George Washington University, Washington
  • Institut National des Langues et Civilisations Orientales INALCO, Paris
  • Universidad Complutense de Madrid
  • Sapienza Università di Roma
  • Uniwersytet Warszawski, Instytut Studiów Społecznych im. Roberta Zajonca
  • Université de Genève, Research Center for Corruption Studies
  • SASE Annual Conference, Bordeaux (The Society for the Advancement of Socio-Economics)
  • ECPR General Conference, Kraków (European Consortium for Political Research)
  • Stanford University (Oktober 2026)

Im November 2022 organisierte Prof. Derrer an der HSLU eine zweitägige Tagung zu den Reformen, die für die Integration der Ukraine in die europäische Staatengemeinschaft notwendig sind – unter anderem mit Teilnahme des Schweizer Sonderbeauftragten im EDA für die Ukraine-Wiederaufbau-Konferenz 2022 und weiteren ausgewiesenen Fachleuten.
https://www.hslu.ch/en/lucerne-school-of-business/calendar/events/2022/11/16/ibr-social-change-ukraine/

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Anwendung

Aus dieser Forschung ist ein anwendungsorientierter Ansatz entstanden – eine Konfigurationsdiagnostik, die Geldgebern, Institutionen und Unternehmen in schwierigen Kontexten zeigt, was Audits und Indizes übersehen: wie Mittel in Positionen fliessen, die sich vereinnahmen lassen, wer tatsächlich über die Rechtsdurchsetzung bestimmt, wer ungeschützt ist, und wo Auflagen bloss auf dem Papier erfüllt würden.

Sie ersetzt bestehende Aufsichts-, Monitoring- und Evaluations-Systeme nicht, sondern ergänzt sie dort, wo diese nicht hinschauen. Untersucht wird die Konfiguration, nicht das Land – deshalb lässt sich der Ansatz skalieren. Eine erste Anwendung lässt sich rasch als Pilotprojekt aufsetzen; Umfang und Form werden im Einzelfall festgelegt.
Über das Ergebnis dieser Diagnostik entscheiden drei Fragen. Jede davon ist leicht zu stellen, aber von aussen schwer zu beantworten:

  • Wer kontrolliert die Verteilung von Straflosigkeit? Wer profitiert in den Zielsektoren von der gegenwärtigen Verteilung geschützter Positionen? Verändert ein bestimmter Reformansatz diese Verteilung, oder arrangiert er sich mit ihr?
  • Wo liegt die Zugangssperre? Welche Etappen – Aufträge, Lizenzen, behördliche Auslegung – liegen in der Hand von Akteuren, die ausserhalb der Mechanismen zur Implementierung des Programms stehen?
  • Wie werden Reformen absorbiert? Welche Pfade der Verlagerung, der Vereinnahmung und der Instrumentalisierung sind für einen Kontext typisch – und hat das Reformkonzept sie berücksichtigt?

Ein Policy Paper – When Compliance Does Not Protect (Juni 2026) – vertieft diese Argumentation und ist auf Anfrage erhältlich.

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Leitung

Prof. Dr. Michael Derrer verbindet Wissenschaft und Praxis. Neben seiner akademischen Arbeit ist er seit über drei Jahrzehnten als Projektleiter und Unternehmensberater in Mittel- und Osteuropa tätig. Er arbeitet in zehn Sprachen, darunter Ukrainisch, Russisch, Polnisch und Rumänisch, unter anderem für die Schweizer Justiz. Seine Analysen stützen sich nicht nur auf eigene Forschung, sondern auch auf unmittelbare praktische Erfahrung im Kontext der Gesellschaften, die sie beschreibt.
Zu seiner Arbeit in der osteuropäischen Region zählen ein SECO-finanziertes Know-how-Transfer-Programm (Universität Fribourg, 1997–2007), Dienstleistungen und Beratung für rund fünfzig Schweizer Unternehmen, und Beratungsmandate für die DEZA (duale Berufsbildung Brașov, 2022–24). Er promovierte 2024 an der Universität Warschau.

Vollständiges Profil: 
https://www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/personensuche/profile/?pid=1768
www.michaelderrer.info

Hinweise: 
Die Analyse behandelt den Antikorruptionsdiskurs als Gegenstand der Untersuchung, nicht als politisches Urteil. 
Das Corruption Dynamics and Resilience Framework ist von Michael Derrer entwickelt worden.

 

Prof. Dr. Michael Derrer

Dozent

+41 41 228 99 01

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