Ein Projekt des Studios für zeitgenössische Musik
Steven Kazuo Takasugi (*1960)
«Sideshow» (2009–2015)
Musiktheater für verstärktes Oktett und Elektronik nach Texten von Karl Kraus
Paula Soriano, Saxofon
Sara Nikolic, Flöte
Michael Foršt, Violine
Zouis Thomson, Schlagzeug solo und Stimme
Andrea Stringhetti, Violoncello
Ingrid Fong, Viola
Slava Guerchovitch, Klavier
Ramona Baumann, Klarinette
Léna Jallon, Klangregie
Gilles Grimaître, Einstudierung
„Sideshow“ basiert auf den düsteren Jahrmarktsbuden und Nebenschauplätzen der Vergnügungsparks von Coney Island zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist ein abendfüllendes Werk des experimentellen Musiktheaters, das sich formal als vermeintlich klassisches Kammermusikkonzert tarnt, sich jedoch schnell in ein unheimliches, fast geisterhaftes Spektakel verwandelt. Das Stück versteht sich als eine tiefgründige Meditation über Virtuosität, Freakshows, Unterhaltung, das Musikgeschäft und die existenziellen Opfer, die das Individuum bringen muss, um in dieser Welt zu überleben. Als gedankliches Fundament und Subtext zieht sich ein Zyklus von sechs Aphorismen des Wiener Satirikers Karl Kraus durch das gesamte Werk. Sie lauten wie folgt:
1. "Ein Gourmet sagte mir: was die Crême der Gesellschaft anlange, so sei ihm der Abschaum der Menschheit lieber."
(A gourmet once told me: he preferred the scum of the earth to the cream of society.)
2. "Wenn Tiere gähnen, haben sie ein menschliches Gesicht." (When animals yawn, they have a human face.)
3. "Der Fortschritt macht Portemonnaies aus Menschenhaut." (Progress makes wallets from human skin.)
4. "In einen hohlen Kopf geht viel Wissen." (Much knowledge fits in a hollow head.)
5. "Die Technik ist ein Dienstbote, der nebenan so geräuschvoll Ordnung macht, daß die Herrschaft nicht Musik machen kann."
(Technology is a servant who makes such noisy order in the next room that his master cannot make music.)
6. "Wien hat eine schöne Umgebung, in die Beethoven öfter geflüchtet ist." (Vienna has beautiful surroundings, to which Beethoven often escaped.)
Takasugi inszeniert auf der Bühne ein hochkomplexes Spiel mit akustischen und visuellen Identitäten. Die acht Musiker agieren oft starr, maskenhaft und synchronisiert wie lebende Puppen oder Doppelgänger. Das Herzstück der Komposition ist eine „akustische Täuschungsmaschine“.