Drei Jahre lang hat ein Team an der Hochschule Luzern gemeinsam mit internationalen Partnerinstitutionen untersucht, wie Kunst und Kulturgüter mit digitalen Mitteln bewahrt, vermittelt und zugänglich gemacht werden können. Das zentrale Ergebnis des HSLU-Beitrags zum EU-Projekt PERCEIVE ist das «Open Space Museum». Das modular aufgebaute Museum kann je nach Ort und Konfiguration von einer kompakten Installation bis zu einem weitläufigen Ausstellungsparcours erweitert und an öffentlichen und institutionellen Orten installiert werden – auch ausserhalb klassischer Museumsräume. «Die Coronazeit hat der Entwicklung einen entscheidenden Impuls gegeben», sagt Arthur Clay, Projektleiter des HSLU-Teams im Forschungsprojekt PERCEIVE und Initiator des «Open Space Museum». «Als die Museen geschlossen waren, stellte sich besonders dringlich die Frage, wie Kunst auch ausserhalb traditioneller Ausstellungsräume zugänglich und gemeinschaftlich erlebbar werden kann.»
Eigene Web-Apps entwickelt
Für den Besuch des Pop-up-Museums braucht es ausser dem Smartphone keine besondere Ausrüstung. An den einzelnen Stationen führen QR-Codes zu sogenannten Engagement-Apps. Diese öffnen sich direkt im Browser des eigenen Smartphones und bieten Informationen, Hintergrundwissen und interaktive Inhalte – ohne Download und ohne zusätzliche Einrichtung. So verbinden sich physische und digitale Elemente: An einer Museums-Station können Besucherinnen und Besucher etwa mit einem eigens gestalteten Basketball, der Motive aus dem altägyptischen Osiris-Mythos aufgreift, auf einen Korb werfen. Während des Spiels bewegen sie sich vor einem Lentikulardruck der Isis-Büste. Je nach Blickwinkel zeigt dieser den heutigen Zustand der Büste sowie mehrere mögliche Farbrekonstruktionen.
Die zugehörige Engagement-App erklärt auf spielerische Weise, wie die Farbfassungen entstanden sind. Mithilfe eines Bildreglers können Besucherinnen und Besucher zwischen verschiedenen Farbfassungen wechseln und nachvollziehen, wie künstliche Intelligenz mit den fachlichen Angaben der Forschenden kombiniert wurde. An ausgewählten Orten ergänzen grössere QR-Code-Tafeln den Rundgang. Über sie lassen sich digitale Kunstwerke mittels Augmented Reality im realen Raum sichtbar machen.
Das «Open Space Museum» ist modular zusammengesetzt und kann an verschieden Orten aufgebaut werden. (Klicken zum Vergrössern und Downloaden)
Digitale Rekonstruktion von Farben
Ein weiterer Schwerpunkt des PERCEIVE-Projekts lag auf der Frage, wie sich Farben in unterschiedlichen Medien im Laufe der Zeit verändern. Ein Beispiel dafür ist der «Autochrome Demonstrator», eine interaktive Installation zur frühen Farbfotografie. Das Autochrom gehört zu den ersten kommerziell erfolgreichen Verfahren der Farbfotografie. Seine empfindlichen Farben können sich jedoch verändern oder verblassen. Mithilfe künstlicher Intelligenz wurde im PERCEIVE-Projekt analysiert, wie sich die Farbkomponenten des Autochrome-Mosaiks zersetzt haben. Die Werte wurden anschliessend rechnerisch korrigiert, sodass eine digitale Annäherung an die frühere Farbwirkung der Aufnahme entstanden ist. Fehlende Bildbereiche konnten mithilfe von KI ergänzt und so wieder sichtbar gemacht werden. Das so dargestellte Bild ist zwar keine exakte Wiederherstellung, jedoch eine wissenschaftlich gestützte Annäherung an einen möglichen früheren Zustand des Bildes. «Solche digitalen Werkzeuge können dazu beitragen, Veränderungen und Verluste an Kulturgütern besser zu verstehen, mögliche frühere Zustände sichtbar zu machen und die Ergebnisse einem breiten Publikum verständlich zu vermitteln», sagt Arthur Clay.
International präsentiert
Das «Open Space Museum» wurde mit seinen Modulen, Engagement-Apps und Demonstratoren bereits in Paris, Siena, Florenz, Zürich und Basel sowie an der Hochschule Luzern präsentiert. Nach Abschluss des Forschungsprojekts übernimmt der Verein Virtuale Switzerland die weitere Entwicklung des «Open Space Museums». Damit können das Konzept, die Module und die Demonstratoren auch über die Förderdauer hinaus für Ausstellungen, Veranstaltungen, Bildungsangebote und Kooperationen eingesetzt werden. Mit einigen Kulturinstitutionen, unter anderem in Basel und Neapel, fanden schon Gespräche über mögliche künftige Präsentationen und gemeinsame Projekte statt.
Kulturinstitutionen suchen andere Formen der Vermittlung
Digitale und immersive Technologien gewinnen in der Kulturvermittlung zunehmend an Bedeutung. Viele Kulturinstitutionen suchen deshalb nach neuen Formaten, die klassische Ausstellungsformen mit digitalen Medien verbinden und neue Möglichkeiten für die Vermittlung und das Erleben von Kunst eröffnen. Über das PERCEIVE-Projekt hinaus beschäftigt sich die HSLU im Immersive Realities Research Lab mit immersiven Medien. Aljosa Smolic ist Co-Leiter des Labs, das den Einsatz immersiver Technologien in unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten untersucht. «Klassische Formen wie Film, Fernsehen und Museum verschmelzen zunehmend mit neuen, immersiven Medien. Forschung und Prototypen aus diesem Feld dürften in einigen Jahren ihre volle Wirkung entfalten», ist der Forscher überzeugt.
Das Projekt PERCEIVE
Das «Open Space Museum» ist Teil des Projekts PERCEIVE – «Perceptive Enhanced Realities of Colored Collections through Artificial Intelligence and Virtual Experiences». Die Engagement-Apps wurden von Projektleiter Arthur Clay konzipiert und vom Team des Open Space Museums mit Unterstützung von Mitgliedern des PERCEIVE-Konsortiums umgesetzt. Generative KI half dabei, die künstlerischen und inhaltlichen Konzepte in funktionierende Web-Anwendungen zu übertragen. Das über das EU-Programm «Horizon Europe» mit rund 3,8 Millionen Euro geförderte Forschungsprojekt widmete sich der Bewahrung, Erforschung und Vermittlung farbiger Kunst- und Kulturgüter mit digitalen Mitteln. Beteiligt waren elf Institutionen aus acht Ländern, darunter das MUNCH-Museum in Oslo und der italienische Forschungsrat CNR. Die Hochschule Luzern war die einzige beteiligte Schweizer Hochschule. Das Projekt lief von 2023 bis zu seinem Abschluss im Jahr 2026. Wer mehr über das «Open Space Museum» erfahren oder Möglichkeiten für eine Ausstellung und Zusammenarbeit besprechen möchte, kann sich an Virtuale Switzerland wenden: info@virtuale-switzerland.org.