Was haben Zuccheros «Baila Morena», Dolly Partons «Jolene» und «Oh läck du mir» von Trio Eugster gemeinsam? Es handelt sich um Lieder, welche Parkinson-Betroffenen helfen können, ihren Alltag zu bestreiten. Im Forschungsprojekt «Musik, Bewegung, Stimmung und Parkinson» haben die Teams zusammen mit Parkinson-Betroffenen neue Wege entwickelt, wie Musik Symptome der unheilbaren Nervenkrankheit lindern und die Lebensqualität verbessern kann. Die Hochschule Luzern (HSLU) führte die Studie mit nationalen und internationalen Partnern durch. Unterstützt wurde das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds und von Parkinson Schweiz.
Parkinson hat nicht nur körperliche Auswirkungen
Bei Menschen mit Parkinson sterben Nervenzellen ab; insbesondere eine Gruppe von Nerven, die Dopamin produzieren. Dadurch geraten Bewegungen, Antrieb und Körperrhythmus aus dem Gleichgewicht. Das führt unter anderem zu Symptomen wie Zittern, Steifheit, verlangsamte Bewegungen bis hin zu einem Freeze und manchmal auch Veränderungen von Stimmung, Schlaf oder Denken. Viele Betroffene berichten zudem von einem Gefühl der Entfremdung von sich selber oder vom eigenen Körper.
Auch imaginierte Musik hilft
Welchen Einfluss hat Musik auf Parkinson-Betroffene? «Bei unserer Intervention ‘Songlines for Parkinson’s’ haben wir uns auf zwei Bereiche konzentriert: die Nutzung des Rhythmus in der Musik als akustisches Signal und die Nutzung der Musik im eigenen Kopf als internes Signal, um das Gehen und die funktionelle Mobilität zu unterstützen», hält Prof. Dr. Dawn Rose, Musikpsychologin und Projektleiterin an der HSLU, fest. Denn es habe sich gezeigt, dass Musik sogar dann eine Wirkung haben kann, wenn man sie nur imaginiert. Bei einigen Patienten half es sogar, sich die Zeilen eines Liedes vorzustellen, um aus einem Freeze herauszukommen. Deshalb wurden im Projekt neue Rehabilitationsstrategien entwickelt, die Menschen mit Parkinson helfen, ihre eigene ‘innere Jukebox’ mit musikalischen Signalen zu entwickeln. Dabei stellen sie sich im Kopf Melodien vor, die ihnen als Bewegungshilfe dienen. Eine Workshop-Teilnehmerin berichtet über ihre Erfahrungen: «Wenn ich gehe, stelle ich mir manchmal Musik aus meiner Jugend vor. Das verleiht mir einen regelmässigen Gang. Dadurch habe ich eine Gleichmässigkeit im Tempo erfahren, die ich zuvor noch nie gespürt hatte.»
Das Forschungsteam hat auch festgestellt, dass Musik nicht nur bei der Bewegung helfen kann. Da die Krankheit den Antrieb zu Aktivitäten oft generell dämpft, kann Musik auch dazu beitragen, Menschen zur Bewegung zu motivieren, die Stimmung zu verbessern und dabei helfen, positiver zu werden.
Mit Motion-Capture den Effekt von Musik sichtbar machen
Die Forschenden erhoben in einer Umfrage zunächst, welche Musik Menschen mit Parkinson im Alltag bereits verwenden und warum. Zudem führten sie mit Menschen mit Parkinson, Therapeutinnen und Spezialisten für Neurorehabilitation, eine Reihe von Workshops durch, um verschiedene musikalische Aktivitäten – darunter Trommeln und Tanzen – auszuprobieren und gemeinsam die neue Intervention zu entwickeln. Die Parkinson-Betroffenen gaben dabei als Expertinnen und Experten für ihren eigenen Körper Rückmeldungen. Um Veränderungen im Laufe der Intervention messbar zu machen, adaptierte das Forschungsteam Motion-Capture-Technik aus der Filmindustrie. Sie ermöglicht es, wichtige Aspekte der funktionellen Mobilität, wie beispielsweise das Drehen, zu messen. Dies lieferte wichtige Erkenntnisse darüber, wie die Intervention wirkte.
Songlines for Parkinson’s
Der so entwickelte Kurs Songlines for Parkinson’s enthält Marschmusik, Musik aus Afrika, Lateinamerika, Indien, Asien und dem Südpazifik. Jede Musikrichtung konzentriert sich auf einen anderen therapeutischen Ansatz zur Linderung der Parkinson-Symptome. So hilft zum Beispiel Marschmusik, im Gehen den Takt zu finden und zu halten, während das Erlernen des Haka, eines Kriegertanzes aus der Kultur der Māori in Neuseeland, Mimik und Stimmkraft verbessern kann.
Umsetzen für die Praxis
Die Hochschule Luzern entwickelt nun zertifizierte Musik- und Bewegungskurse für Gesundheitsfachkräfte, damit diese die Erkenntnisse direkt in der Praxis umsetzen können. Projektleiterin Dawn Rose stellt die Resultate zudem international an Kongressen vor, damit möglichst viele der weltweit rund 10 Millionen Menschen mit Parkinson davon profitieren können.
Eine Website als Inspiration
Auf der Website www.playlist4parkinsons.com sammelte das Forschungsteam die Songs und Musikstücke, die Umfrage- und Workshopteilnehmenden bereits nützten, in Playlists gesammelt. Die Idee ist nicht, dass diese am Stück gehört werden, sondern sie dienen als Inspiration für Parkinson-Betroffene, sich eine eigene Playliste zusammenzustellen. Die Kategorien geben Anstösse, wo Musik unterstützend eingesetzt werden kann.
Manche der Kategorien sind selbsterklärend, andere weniger. Eine besondere Kategorie sind die «Personal Anthems», die persönlichen Hymnen. Es handelt sich um Musik, die aus der eigenen Geschichte kommt, oft mit anderen Personen verbunden ist und deshalb starke Emotionen auslöst. Gerade in Momenten von krankheitsbedingter Entfremdung von sich selbst und vom eigenen Körper kann diese Musik für Menschen mit Parkinson das Gefühl für sich selber stärken.
Dass Musik beim Bewegen rhythmische Unterstützung bieten kann, haben die meisten Menschen schon erlebt. Für Menschen mit Parkinson jedoch erschwert die Krankheit oft nur schon die Entscheidung, etwas zu unternehmen. Deshalb ist «Motivation» eine Kategorie, die vor allem für sie besonders wichtig ist. Diese Musik hilft manchmal, sich zum Schritt vor die Haustür überhaupt aufzuraffen. Vor der Teilnahme am Workshop haben sich jedoch viele noch gar nie überlegt, dafür Musik zu nützen.