Freiwilliges Engagement gilt als wichtiger Pfeiler des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Schweiz. Insbesondere ältere Menschen bringen sich auf diese Weise ein. Doch während die Freiwilligenarbeit jüngerer Seniorinnen und Senioren bereits gut untersucht ist, lagen bisher nur wenige Erkenntnisse über das Engagement von Hochaltrigen vor, obwohl fast die Hälfte von ihnen sich freiwillig in Vereinen und Organisationen engagiert. Eine neue, von der Age-Stiftung geförderte Studie der HSLU schliesst nun diese Lücke. Sie hat Zugänge, Rahmenbedingungen und sogenannte «Kipppunkte» des freiwilligen Engagements von Menschen über 80 Jahren untersucht.
Nicht der Jahrgang entscheidet
Die Ergebnisse zeigen, dass hochaltrige Menschen weiterhin bereit und interessiert sind, sich freiwillig zu engagieren. Für viele Befragte ist das Engagement eine bedeutende Quelle von Sinn, sozialer Teilhabe, Identität und persönlicher Aktivität. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass es keinen allgemeinen Kipppunkt gibt, an dem Menschen als «zu alt» für Freiwilligenarbeit gelten. «Das konkrete Alter sagt wenig darüber aus, ob jemand eine Aufgabe noch übernehmen kann. Vielmehr wird die Frage des Weiterengagements individuell ausgehandelt und hängt von Faktoren wie Gesundheit, Mobilität und Lebenssituation ab», sagt Co-Studienleiterin Prof. Simone Gretler Heusser. «Für jemanden, der einen Fahrdienst macht, kann beispielsweise die Fähigkeit, Auto zu fahren, entscheidend sein. Bei einem anderen Engagement spielt das vielleicht überhaupt keine Rolle.»
Flexiblere Rollen können das freiwillige Engagement verlängern
Wie Organisationen mit dem Älterwerden ihrer Freiwilligen umgehen, ist sehr unterschiedlich: «Grössere und professionellere Organisationen haben teilweise Standortgespräche und können regelmässig schauen, ob die Aufgabe noch passt. In kleinen Organisationen ist vieles informeller. Dort wird die Verantwortung oft auf die Person selbst übertragen», sagt Co-Studienleiter Prof. Dr. Mario Störkle. Anders als in der Arbeitswelt existiert im freiwilligen Engagement kein etablierter «Offboarding»-Prozess. «Dabei geht es nicht um Bürokratie, sondern um die Pflege der Freiwilligen. Eine Ansprechperson, ein regelmässiges Gespräch oder ein Ehemaligenanlass können schon viel bewirken.»
Mit dem Ende einer freiwilligen Tätigkeit kann auch ein wichtiges soziales Netzwerk wegfallen. Die Studie empfiehlt deshalb, Beziehungen über das aktive Engagement hinaus aufrechtzuerhalten und beispielsweise Angebote für ehemalige Freiwillige zu schaffen. Ebenso können flexible Rollen dazu beitragen, dass Menschen ihr Engagement reduzieren oder verändern können, ohne ihre Zugehörigkeit zur Organisation zu verlieren. Für die Praxis hat das Studienteam eine Reflexionshilfe für Organisationen und Freiwillige entwickelt, die zum Download bereitsteht.
Einsamkeit vorbeugen bei gleichzeitigem Recht auf Rückzug
Freiwilliges Engagement kann soziale Kontakte schaffen, Struktur geben und das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden. Damit kann es auch Einsamkeit vorbeugen. Die Studie warnt jedoch davor, freiwilliges Engagement als Wundermittel gegen Einsamkeit zu verstehen. «Nicht jeder Mensch, der sich nicht engagiert, ist einsam – und nicht jeder engagierte Mensch ist automatisch vor Einsamkeit geschützt», sagt Co-Studienleiterin Gretler Heusser. «Nicht alle Menschen wollen sich engagieren, und nicht alle können es. Engagement darf keine Pflicht werden.»
Die Studie plädiert deshalb für ein Altersbild, das auch Verletzlichkeit zulässt. Menschen sollen nicht dazu gedrängt werden, ihre bisherige Aktivität um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Sich zurückzuziehen und nicht verfügbar zu sein, ist im hohen Alter ebenso legitim wie sich zu engagieren.
«Freiwilliges Engagement im hohen Alter – wie kann es gelingen?»
Die Studie untersucht, wie Menschen über 80 Jahre ihr freiwilliges Engagement erleben und welche Voraussetzungen dafür wichtig sind. Im Zentrum stehen Zugang, Motivation, Rahmenbedingungen und sogenannte «Kipppunkte». Die qualitative Studie basiert auf 20 Interviews mit Fachpersonen aus unterschiedlich ausgerichteten Freiwilligenorganisationen der Deutschschweiz sowie hochaltrigen Freiwilligen. Bestandteil war zudem das Erarbeiten einer Reflexionshilfe für Organisationen und Freiwillige. Die Studie entstand mit finanzieller Unterstützung der Age-Stiftung sowie der Walder Stiftung. Diese fördert zukunftsfähige Lösungen zugunsten älterer Menschen in vulnerablen Lebenslagen und fragilen Phasen.
Schlussbericht zum Download.
Reflexionshilfen für Organisationen und Freiwillige zum Download.