Mit dem Ja zum Bundesgesetz über den elektronischen Identitätsnachweis und andere elektronische Nachweise bekommt die Schweiz ab Ende 2026 eine staatliche E-ID sowie die offene Vertrauensinfrastruktur swiyu. Sie erlaubt Behörden, Unternehmen und privaten Organisationen, digitale Nachweise auszustellen und zu prüfen – etwa für Altersnachweise im Online-Shop, die Kundenaufnahme bei Banken oder die Überprüfung von Qualifikationen. In einer ersten Standortbestimmung untersucht die HSLU mit der Studie «Digitale Identitäten und elektronische Nachweise in der Schweiz 2026», wie gut vorbereitet kleine und mittlere Schweizer Unternehmen (KMU) auf diesen Schritt sind. Im November 2025 wurden 78 KMU-Vertreterinnen und -Vertreter befragt.
93 Prozent kennen die E-ID, aber nur 20 Prozent handeln
Die Bekanntheit der neuen E-ID ist hoch: 93,6 Prozent der befragten KMU haben von ihr und der Vertrauensinfrastruktur gehört. Bei der Umsetzung zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Erst 20,5 Prozent haben bereits entsprechende Lösungen implementiert, weitere 21,8 Prozent befinden sich in Planung oder Umsetzung. Rund 36 Prozent haben keine Umsetzungspläne, und ein weiteres Fünftel zieht das Thema erst in Betracht.
Nicht das Gesetz ist das Problem
Anders als in der politischen Debatte vor der Abstimmung vermutet, liegen die grössten Hindernisse nicht bei Recht oder Datenschutz. Am häufigsten nennen die KMU drei Hürden für die Einführung: die Integration in bestehende Systeme (47,4 Prozent), mangelndes Wissen und Verständnis (43,6 Prozent) sowie fehlende Geschäftsfällen oder fehlender Bedarf (39,7 Prozent). Regulatorische Bedenken nennen nur 17,9 Prozent (siehe Abbildung 1). «Digitale Identitäten scheitern selten an der Idee, sondern an Schnittstellen, Rollenlogiken und am Betrieb», sagt Tim Weingärtner, Professor am Departement Informatik der Hochschule Luzern und Mitautor der Studie. Entsprechend nennen KMUs Effizienzsteigerung (84 Prozent) und verbesserte Sicherheit (72 Prozent) als wichtigste Einführungsgründe.
Abbildung 1: Grösste Herausforderungen bei der Einführung digitaler Identitäten (zum Vergrössern und Downloaden der Grafik klicken).
KMUs sehen Deepfakes als Risiko
Ein zentraler Befund betrifft das Risiko durch Künstliche Intelligenz: Rund 86 Prozent der Befragten stufen KI-generierte Fake-Identitäten wie Deepfakes als mindestens mittleres Risiko für ihr Unternehmen ein, knapp die Hälfte sogar als hohes oder sehr hohes Risiko. Für 63,8 Prozent können digitale Identitäten bei der Verhinderung solcher Fälschungen helfen. Für Tim Weingärtner ist das ein zentrales Argument: «Die Überprüfung von Identitäten ist ein zentraler Bestandteil vieler Geschäftsfälle. Im digitalen Raum braucht es dafür eine sichere, vertrauenswürdige und selbstbestimmte Lösung.»
Viele warten ab und riskieren Aufholstress
Für die kommenden drei Jahre zeichnet sich ein pragmatischer Kurs ab: Rund die Hälfte der Befragten will die Prüfung digitaler Identitäten in bestehende Systeme integrieren oder Pilotprojekte starten. Gut ein Viertel beobachtet den Markt und handelt erst später, gut ein Fünftel plant vorerst keine Projekte. Nur sechs Prozent wollen eigene digitale Nachweise ausstellen (Abbildung 2). Die Studie warnt: Wer zu lange zuwartet, spart kurzfristig Aufwand, riskiert aber mittelfristig höhere Integrationskosten, weil interne Fähigkeiten und Anschlüsse ans Ökosystem später unter Zeitdruck aufgebaut werden müssen. Deshalb raten die Autoren sich jetzt bereits mit Anwendungsfällen im eigenen Umfeld zu beschäftigen.
Abbildung 2: Entwicklung digitaler Identitäten bis 2028 (zum Vergrössern und Downloaden der Grafik klicken).
Zur Studie
Die Studie «Digitale Identitäten und elektronische Nachweise in der Schweiz 2026» wurde vom Information Systems Research Lab der Hochschule Luzern – Informatik erstellt und von der Digital Identity and Data Sovereignty Association (DIDAS) unterstützt. In der Online-Umfrage wurden im November 2025 über Branchenverbände und Unternehmensnetzwerke 78 Vertreterinnen und Vertreter aus Schweizer KMU befragt. Bei einzelnen Fragen zu Vertrauen, Risiko und Zukunftseinschätzung wurden zusätzlich sechs Antworten aus Behörden einbezogen; wegen der geringen Anzahl weist die Medienmitteilung diese nicht separat aus. Die Ergebnisse geben ein Stimmungsbild, sind aber aufgrund der Stichprobengrösse nicht repräsentativ für alle Schweizer KMU. Die Umfrage findet zum ersten Mal statt und soll jährlich wiederholt werden. Mitautor Tim Weingärtner ist Vizepräsident des Vereins DIDAS.