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Seismografische Erkenntnisse und Kooperationen in der Jugendförderung – Bundesmodellprojekt Oberwinterthur
Im Rahmen eines BSV-Modellvorhabens nach Art. 11 KJFG wurde die seismografische Arbeitsweise der Offenen Jugendarbeit Winterthur und ihre Kooperationen mit der Stadtverwaltung beschrieben, erprobt und ausgewertet. Das Projekt knüpft an eine langjährige Praxis an: Seit 2014 erhalten die Teams der Offenen Jugendarbeit (OJA) in Winterthur den expliziten Auftrag, Trends und Entwicklungen in der jugendlichen Lebenswelt wahrzunehmen, zu dokumentieren und den Behörden regelmässig zur Verfügung zu stellen.
Die zentrale Idee: Fachpersonen der Soziokultur und Jugendarbeit fungieren als «Seismograf:innen» eines Gemeinwesens. Über partizipative Beziehungsarbeit, Beobachtung im öffentlichen Raum sowie qualitative und quantitative Befragungen erschliessen sie die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen – insbesondere schwer erreichbarer Zielgruppen. Diese fortlaufende, niederschwellige Partizipation ermöglicht ressourceneffiziente «Quick Wins» und ergänzt aufwendige Sozialraumanalysen.
In Oberwinterthur wurden die Abläufe über drei Jahre konzentriert durchgespielt. Anhand konkreter Arbeitsproben – etwa der partizipativen Weiterentwicklung des Skateparks mit dem Jugendverein «Social Seshers», der Freiluftgalerie Hegistrasse mit der SBB und der Sekundarschule Rychenberg sowie der Lancierung eines neuen Ladies-Treffs – wurden Voraussetzungen, Stolpersteine und Gelingensbedingungen sichtbar gemacht.
Die Resultate sind als skalierbare Empfehlungen an Hochschulen, Städte und Gemeinden sowie an Teams der Kinder- und Jugendförderung und Soziokultur formuliert. Zentrale Erkenntnisse betreffen vier Ebenen: Erstens braucht es einen expliziten seismografischen Auftrag in den Leistungsvereinbarungen. Zweitens müssen die Rahmenbedingungen stimmen – genügend Stellenprozente, zeitliche Kontinuität für nachhaltigen Beziehungsaufbau, Reflexion im Team und Handlungsspielraum. Drittens sind besondere Fähigkeiten gefragt: professionelle Beziehungsarbeit, geschulte Wahrnehmung, inklusives und diskriminierungssensibles Arbeiten sowie Verständnis für politische Abläufe. Viertens entscheidet die Anbindung ans Gemeinwesen über den Nutzen: Kinder- und Jugendbeauftragte mit Querschnittsfunktion, Runde Tische und die direkte Vernetzung der Zielgruppe mit Entscheidungsträger:innen sind zentrale Erfolgsfaktoren.
Das Projekt wurde von der Stadt Winterthur gemeinsam mit der Mobilen Jugendarbeit Winterthur (MOJAWI) umgesetzt. Die wissenschaftliche Projektleitung seitens HSLU – Soziale Arbeit, Institut für Soziokulturelle Entwicklung, lag bei Ivica Petrušić; die Dokumentation übernahm Caroline Näther. Der Evaluationsbericht ist auf jugend.win publiziert.