In der Übersicht
Die zunehmende Sichtbarkeit kollektiver Arbeitsformen in der Kunst findet auch in der Kunstwissenschaft wachsende Aufmerksamkeit. Trotz zahlreicher Tagungen und Publikationen bleibt die begriffliche Bestimmung von Kollektivität fragmentarisch und interessengeleitet. Bestehende Einordnungen konzentrieren sich vor allem auf organisatorische Strukturen, ideologische Positionierungen oder einzelne Aspekte wie etwa Fragen der Autor*innenschaft. Kollektivität erscheint dabei meist als Abweichung innerhalb des Kunstbetriebs, der überwiegend auf individualisierte Produktionsformen ausgerichtet ist. An dieser Stelle setzt das Projekt an. Unter dem Begriff Organisierte Verbindlichkeit entwickelt es eine Neukonzeption von Kollektivität in der Kunst, die diese nicht als Ausnahme, sondern als reguläre Arbeitsweise untersucht. Zentrale Aspekte sind die sozialen Dynamiken von Kunstkollektiven, ihr Selbstverständnis sowie die konkreten Arbeitsweisen, die sich im gemeinsamen Arbeiten entwickeln. Im Projekt werden diese Arbeitsweisen – Mikropraktiken – als wesentliche Elemente kollektiver Arbeitsformen untersucht.
Unser Ansatz verbindet diskursanalytische Methoden mit künstlerisch-forschenden Zugängen und folgt einer praxeologischen Logik: Unsere Einsichten gewinnen wir aus der künstlerischen Praxis von Künstler*innenkollektiven, deren Zusammenarbeit wir vertieft untersuchen. Wir arbeiten entlang historischer und zeitgenössischer Beispiele, um typische Erzählmuster von Kollektivität in der Kunst sichtbar zu machen, aber auch um die Rolle der Kollektivität in der Kunstausbildung und Kulturförderung zu reflektieren. Zentral für unser Forschungsprojekt ist die Begriffsarbeit. Sie unterstützt den Austausch im transdisziplinären Team, stützt die Analyse der Quellen und bildet zugleich die Grundlage für ein angedachtes Glossar. Das Glossar soll konkrete Orientierungshilfen und Umsetzungsempfehlungen für Akteur*innen aus Ausbildungs-, Ausstellungs- und Förderkontexten bereitstellen.