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Jonas Näf mein sozialer Alltag Publikation SA Juni 2014

«Ich sehe mich als eine Art Prothese»

Aufzeichnung: Eva Schümperli-Keller

Jonas Näf arbeitet Teilzeit in der Stiftung Pigna – Raum für Menschen mit Behinderung in Kloten. Dort unterstützt er Menschen mit Behinderung bei der Bewältigung ihres Alltags. Er absolviert an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit ein Bachelor-Studium mit der Studienrichtung Sozialpädagogik und ist derzeit im 4. Semester. 


«Ein Schlüsselerlebnis bei der Berufsfindung war, als ich einen schwerstbehinderten Mann betreute. Ich bin im Südschwarzwald aufgewachsen und leistete diesen Einsatz im Rahmen des Zivildienstes. Danach war mir klar: Ich wollte mit erwachsenen Menschen mit Behinderung arbeiten. Das hatte ich nicht vorausgesehen, denn in meinem erlernten Erstberuf als Erzieher hatte ich vor allem mit Kindern und Jugendlichen zu tun. 

Ich sah mich dann nach einer entsprechenden Stelle um. Die Region Zürich hatte ich dabei immer auf dem Radar: Mein Vater stammt von hier, und meine Grosseltern leben in der Gegend. Seit Oktober 2010 arbeite ich in der Stiftung Pigna. Hier leben und arbeiten Menschen mit einer IV-Rente. Ein Grossteil von ihnen ist vom Down-Syndrom betroffen; es gibt aber auch solche, die nach einem Unfall oder Hirnschlag kognitiv beeinträchtigt sind. Wir versuchen, ihnen hier einen möglichst normalen Alltag zu ermöglichen: Wer kann, geht einer geregelten Tätigkeit an einem geschützten Arbeitsplatz nach. In den Werkstätten packen unsere Bewohnerinnen und Bewohner im Auftrag Abstimmungsunterlagen für den Versand ein, füllen Samichlaus-Säcklein ab, fertigen Glaswaren und Karten für unseren Shop oder reinigen die Kopfhörer, die sie in den Flugzeugen der Swiss vorfinden. Einige arbeiten auch im ersten Arbeitsmarkt in unserem Gasthaus „Hans im Glück“. Zur Stiftung gehört auch der Pigna-Park mit seinen Tieren. Diese werden von Menschen mit Behinderung und den Gruppenleiterinnen und -leitern gepflegt. Wer auf Grund seines Alters oder seiner Behinderung keiner geregelten Arbeit nachgehen kann, findet in der Tagesstätte einen ihm angepassten Rahmen.

Ich arbeite im Bereich Wohnen, unterstütze also den Alltag ausserhalb der Arbeitstätigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner. Wie viel Begleitung oder Unterstützung notwendig ist, ist individuell sehr unterschiedlich. Ich sehe mich deshalb als eine Art Prothese, weil ich dort zum Einsatz komme, wo jemand allein nicht weiterkommt. Dies kann bedeuten, dass ich bei der Körperpflege helfe, die Kleider für den nächsten Tag bereitlege, Medikamente abgebe, die Bewohnerinnen und Bewohner an ihren Arbeitsplatz begleite oder sie beim Kochen des Abendessens oder beim Aufräumen ihres Zimmers unterstütze. Am Samstag gehe ich mit ihnen in den Laden, wo sie mit ihrem Lohn Artikel des persönlichen Bedarfs einkaufen können. 

Ich lege meinen Dienst gerne aufs Wochenende und arbeite dann die langen Schichten, denn so bleibt mir in der Woche mehr Zeit fürs Studium. An einer Info-Veranstaltung der Hochschule Luzern hat es mir den sprichwörtlichen Ärmel hineingenommen, und die Ausbildung hat bis jetzt alle meine Erwartungen erfüllt. Ich finde es ideal, berufsbegleitend studieren zu können: Ich bringe mein neues Wissen mit in die Praxis und kann es gleich evaluieren und verknüpfen. Im Herbst beginne ich mit dem Hauptstudium. Ich erhoffe mir das vertiefte Eingehen auf die spezifischen Themen der Sozialpädagogik, also etwa die Besonderheiten, die das Arbeiten in Institutionen mit sich bringt und die damit verbundene spezielle Art der Beziehung zu unseren Klientinnen und Klienten, die sich anders gestaltet als etwa jene zwischen einem Sozialarbeiter und einer Sozialhilfe-Empfängerin. Es geht um Beziehungen über viele Jahre hinweg sowie die damit verbundene Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Dem Austausch mit anderen Sozialpädagogen und-pädagoginnen sehe ich gespannt entgegen.

Ich bin ein sehr strukturierter Mensch, was es mir erleichtert, Job und Studium unter einen Hut zu bringen. Es braucht doch einiges an Organisation, die verschiedenen Dienste, den semesterweise wechselnden Stundenplan, Supervision, Praxisbegleitung und so weiter aneinander vorbeizubringen. Trotzdem bleibt noch Zeit für meine Hobbies: Ich fahre Rennvelo und Mountainbike und singe in einem A-cappella-Chor. An meinem Beruf mag ich die vielen Facetten des Zwischenmenschlichen. Ich geniesse es beispielsweise, wenn wir es am Tisch miteinander lustig haben. Das Essen hat bei unseren Bewohnerinnen und Bewohnern einen hohen Stellenwert, und alle unsere Abläufe laufen auf die gemeinsamen Mahlzeiten zu. Menschen mit Behinderung sind sehr sensibel: Sie spüren, wenn ich einmal nicht so gut aufgelegt bin. Eines Tages kam in einer solchen Situation einer unserer Bewohner auf mich zu und sagte: „Gahts dir hüt nit guet? Bisch en Liebe.“ Da muss man einfach lächeln.