Switch to Landscape
Mein sozialer Alltag Jesus Turino Oktober 2014

«Irgendwie bin ich immer ein bisschen Pionier»


Aufzeichnung: Eva Schümperli-Keller


Jesús Turiño arbeitet als Leiter Soziales und Genossenschaftskultur bei der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (abl). Nach einem Bauingenieur-Studium und einigen Jahren Berufserfahrung absolvierte er die Ausbildung zum Soziokulturellen Animator an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Heute profitiert er davon, beide Welten zu kennen. 

«Als ich zwischen 1996 und 2000 an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit  Soziokultur studierte, war man erst dabei, den Beruf zu erfinden. Wir Studierenden konnten die Ausbildung richtiggehend mitgestalten. Dieses ‚Pionierhafte‘ hat mir gefallen, und es haftet auch meinem heutigen Beruf ein wenig an.
Nach dem Bauingenieur-Studium und einigen Berufsjahren hatte meine Zufriedenheit nachgelassen. Ich beschloss, mich für zwei, drei Jahre auszuklinken. Damals dachte ich nicht daran, eine Zweitausbildung in einer ganz anderen Branche zu absolvieren. Ich war schon immer im Kulturbereich aktiv gewesen, und so wurde ich Leiter eines Jugend- und Kulturzentrums in Zug. Damals verstand man unter Jugendarbeit noch nicht, mit den Ressourcen der Jugendlichen zu arbeiten.  Es ging darum, den Jungen einen Treffpunkt zu bieten. Dann aber kam die grosse Krise der Jugendarbeit, und diese erfasste auch unser Zentrum. Ich schloss es für eine Weile und eröffnete es wieder mit einem neuen Konzept. Nun machten wir Kulturarbeit und waren vor allem mit Jugendlichen aus der Hip-Hop- und Hard-Core-Szene tätig. Um meine Fachkompetenzen zu verbessern, begann ich die Ausbildung zum Soziokulturellen Animator. Nach dem Studium, das ich berufsbegleitend absolvierte, arbeitete ich als Geschäftsführer des Vereins Zuger Jugendtreffpunkte. Während einer Auszeit in Spanien entdeckte ich das Arbeitsgebiet, das mich bis heute fasziniert: die Stadtentwicklung, also die Kombination von Soziokultur und Bauen, meinen beiden Steckenpferden. Ich merkte: Das ist ein richtiger Beruf, das will ich künftig machen!
Ich war erst selbstständig auf dem Gebiet tätig, bis ich im 2013 die Stelle bei der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern antrat. Sie umfasst drei Bereiche. Der erste Bereich ist die individuelle Hilfe: Ich unterstütze etwa Genossenschafter, die mit Problemen zu mir kommen, oder mache Mediationen. Der zweite Bereich sind Projekte auf Siedlungsebene: Dabei geht es darum, die Partizipation der Mieterinnen und Mieter zu fördern, etwa bei Fragen wie:  Wie soll der neue Spielplatz aussehen? Wie werden die gemeinsamen Aussenräume genutzt? Mein dritter Arbeitsbereich ist die soziale Nachhaltigkeit, wieder ein Pioniergebiet, das noch nicht lange bearbeitet wird: Was braucht es, damit eine Siedlung sozial nachhaltig ist? Dabei geht es darum, das Funktionieren der Zivilgesellschaft zu unterstützen, aber auch die individuelle Lebensqualität zu fördern. Wir versuchen Wohnungen zu bauen, die den aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner in allen Aspekten gerecht werden.
Ich mag grosse Vorhaben, bei denen es einem fast ‚gschmuch‘ wird, wenn man an die Dimensionen denkt. Im Moment konzipiere ich zusammen mit der Spitex Luzern ein Pilotprojekt, das sich um die Frage dreht, wie alte Menschen möglichst lange daheim wohnen bleiben können. Das Stichwort heisst ‚Wohnen mit Dienstleistungen‘. Wir möchten der Praxis Impulse geben: Was braucht es, damit es funktioniert? Auch das interdisziplinäre Arbeiten gefällt mir gut. Ich habe oft mit Bau- und Immobilienfachleuten zu tun; um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ist es wichtig, die Fachsprache zu beherrschen. Dank dem Ingenieurstudium ist mir das möglich; ohne diesen Hintergrund hätte ich es wohl deutlich schwerer. Das sage ich Soziokultur-Studierenden, die sich für meinen Job interessieren, ganz ehrlich. Jemand, der früher Lehrerin oder Lehrer war, ist vielleicht bei der Schulsozialarbeit besser aufgehoben und kann dort mehr bewegen. Mein Rat ist: Überlegt euch, was ihr könnt und was ihr wollt, ganz abgesehen von allen Trends. Seine Berufung muss jeder selber finden.»