"Aus dem Leben eines Musikkritikers"
Kolumne Nr. 22: Ewige Verführerin
Bisweilen weist die Begegnung mit einem Künstler, mit einer Künstlerin weit, sehr weit in die Vergangenheit. Dabei werden Dinge angesprochen, die, so scheint es, unendlich entfernt liegen. In den mittleren sechziger Jahren besuchte ich in einem noblen Zürcher Altersheim nahe dem Dolder eine noch recht rüstige Dame, die mich mit ihren Erinnerungen in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg versetzte. Damals, nämlich 1910, hatte die junge Mezzosopranistin aus Frankfurt am Zürcher Stadttheater ihre allererste Stelle angetreten. Ihr Name: Emmy Krüger.
Verbunden ist Emmy Krügers Name nicht zuletzt mit einem zentralen Ereignis der damaligen Zürcher Musikbühne. Dreissig Jahre lang hatte Richard Wagners letztes Werk «Parsifal» nur in Bayreuth aufgeführt werden dürfen. Des Komponisten Witwe Cosima wollte sogar eine ewige Sperre für andere Theater. Das ging nicht, aber es gab nach Wagners Tod 1883 eine dreissigjährige Schutzfrist. Nach deutschem Recht lief sie Ende 1913 aus, nach schweizerischem dagegen am 30. Todestag, somit am 13. Februar 1913. Also griff Zürichs Direktor Alfred Reucker beherzt zu und brachte Wagners Schwanengesang bereits am 29. März 1913 zur Aufführung. Mit der Debütantin Emmy Krüger in der anspruchsvollen Partie der Kundry, diesem «Weib, das zugleich Verführerin wie demütig Dienende ist» (Krüger).
Kein Wunder, dass die Sängerin, wie sie mir viele Jahrzehnte später mit einem Lächeln gestand, ihre Skrupel und Zweifel hatte: «Ich lebte, während ich diese Rolle studierte, wie in einer andern Welt». Mit Erfolg – nicht nur die lokalen Zeitungen, sondern auch die angereiste Weltpresse zeigten sich von dieser Kundry angetan. «Wie ihre Auffassung gesanglich und mimisch verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit, ist künstlerisch einmalig», hiess es über Emmy Krügers Leistung und auch «Einen höheren künstlerischen Eindruck habe ich in unserem Theater noch nie empfangen». Der künftige Weg schien für die Sängerin vorgezeichnet. 1914 wechselte sie nach München und verkörperte dort gleich die Brünnhilde im «Ring des Nibelungen». Überhaupt immer wieder Wagner – in den späteren zwanziger Jahren sang sie im Bayreuther Festspielhaus alle grossen Rollen ihres Fachs. Dann aber, 1931, beendete sie ihre Karriere und widmete sich der Ausbildung des Gesangsnachwuchses.
Zurück nach Zürich. Erstaunlich, was eine blutjunge Anfängerin damals alles singen musste, von der Amneris in «Aida» bis zur Ortrud im «Lohengrin», von der «Fidelio»-Leonore bis zu Glucks Orpheus. Oder auch, bereits kurz nach der Dresdner Premiere, den Octavian im «Rosenkavalier» von Richard Strauss – «ein Zauber von Jugend und Glück lag über dieser Vorstellung», schwärmte sie noch ein ganzes Menschenleben später. Eine ihrer Lieblingspartien war übrigens die Hexe in Humperdincks «Hänsel und Gretel». Dabei hatte sie ein echtes Erfolgserlebnis: «Ich versuchte, diese Figur den Kindern mit allem Spuk und Hokuspokus nahezubringen. Plötzlich ertönte aus dem Zuschauerraum ein zartes Zitterstimmchen ‚Mami, ich fürcht’ mich’.»
Mario Gerteis
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Mario Gerteis ist Musikredaktor und Publizist. Schreibt seit 1957 für verschiedenste Zeitungen und Zeitschriften. Film- und Radiobeiträge. Er war von 1978 bis 1998 Kulturredaktor beim Tages-Anzeiger Zürich.
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