CC Kunst & Öffentlichkeit
Kunstforschung verbindet künstlerische Arbeit, ihre prozessorientierten Ansätze und ästhetischen Methoden mit wissenschaftlichen und praxisorientierten Handlungsfeldern. In der Abteilung Forschung und Entwicklung des Bereichs Kunst entstehen Projekte, bei denen künstlerische Arbeiten aktive Verknüpfungen zwischen der Kunsthochschule und der Öffentlichkeit hervorbringen. Die Forschungsprojekte nehmen ihren Ausgangspunkt in der eigenen Praxis der Künstlerinnen und Künstler. Dadurch tragen sie professionell und visionär zur Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen bei.
Für den Forschungs- und Kompetenzschwerpunkt „Kunst und Öffentlichkeit“ untersuchen Künstlerinnen und Künstler Grundlagen ihrer Arbeit in breiten gesellschaftlichen Kontexten und bieten neue Sichtweisen und Lösungen für die Reflexion und Gestaltung des öffentlichen Raums. Dabei werden Themen wie Kunst im Kontext von Tourismus, Kunst und Bau, Kunst und Wirtschaft, künstlerische Aktionen im sozialen Raum, die Kunstvermittlung als künstlerische Praxis, Kunst und Religion sowie die gesellschaftliche Rolle der Künstlerin/des Künstlers behandelt.
Leitung CC Kunst & Öffentlichkeit
Rachel Mader
| Projekttitel | Projektbeschrieb |
Erlebniswelt Zentralschweiz. Kunst & Tourismus 2.0 | Ausgehend von Erkenntnissen aus dem vorangegangenen Projekt “Kunst & Tourismus”, wo die Bedingungen der Produktion und Rezeption von Kunst und Kultur in touristischen Räumen untersucht wurden, werden in diesem Forschungsvorhaben lokale kulturelle Effekte durch Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse und die damit verbundene Transformation von Landschaften und Alltagswelten zu Erlebnissettings analysiert. Im Forschungsprojekt wird am Beispiel der Region Zentralschweiz ein differenziertes Bild der Funktionsweise und der kulturellen Bedeutung aktueller und zukünftiger global vernetzter Erlebnis- und Kulturlandschaften entworfen. So werden Impulse für die Vermittlung und Entwicklung zeitgemässer Formen künstlerischer Praxis in aktuellen Kontexten in Öffentlichkeit und Alltag gegeben. Mittels Vermittlungs- und Kommunikationsstrategien, die von der künstlerischen Praxis ausgehen, werden die Bedingungen für das Kulturschaffen von Morgen analysiert und gemeinsam mit Partnern aus der Praxis bearbeitet. ![]() Das Forschungsteam im Feld Kunst & Tourismus 1.0 Top of Experience Ausstellung 2008 Top of Experience Tagung 2007 (deutsch) |
Art in Company | Nicht allein die Diskussion um die sog. Creative Industries und deren Wertschöpfung strukturiert die Beziehung zwischen Kunst und Unternehmen neu, sondern auch die fortwährende Suche der Unternehmen nach Innovationen, nach Kreativität und neuer Produktivität. Und so wie die Unternehmen Kunst als Entwicklungs-, Trainings- oder Marketingmassnahme neu bewerten, so hat sich auch in der Kunst das Verhältnis zu Fragen der Funktion und des Angewandten verändert. Art in Company / Kunst und Wirtschaft (aic/k&w) liefert eine substanzielle Befragung von Kunst und Wirtschaft, deren Vermittlungs- und Praxisformen aus der Perspektive der Kunst. Das Forschungsvorhaben aic/k&w verfolgt dabei drei grundsätzlich Ziele: - Initiieren, Begleiten und Dokumentieren von Kooperationsprojekten zwischen Künstlern und Unternehmen - Aufbau eines offenen medialen Informations-Netzwerkes zum Thema - Entwicklung und Etablierung von Vermittlungsformen für künstlerische Praxis innerhalb von Unternehmen und Organisationen ![]() |
Holyspace-Holyways | Die Rolle des zeitgenössischen Kunst- und Kulturschaffens bei der Vermittlung und Repräsentation privater und öffentlicher Religiosität am Beispiel der Innerschweiz wird hier untersucht. Das Projekt fragt aus der Perspektive der Kunstschaffenden nach Möglichkeiten des Zugangs zum Religiösen, die weder der Politik noch der Kirche angehören und auch nicht einfach ins Privat-Esoterische führen. Die These dabei lautet, dass Kunst ein offenes und zunächst neutrales Feld anbietet für Auseinandersetzungen mit religiöser Ikonographie und Traditionen. Damit leistet sie eine wichtige Vermittlungsarbeit für den aktuellen gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf Religion und Glauben. Das Projekt geht davon aus, dass das Religiöse auf der Ebene des Einzelnen wie innerhalb der säkularen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten eine neue Bedeutung erhalten hat, was auch zu neuen Auseinandersetzungen innerhalb der zeitgenössischen Kunst mit Fragen der Religion führt. Ob in der Metaphysik im Werk von Bill Viola oder in James Turrells Lichtinstallationen: Kunst und Kunstwelt stehen in einem aktiven und neu erstarkten Dialog mit Fragen des Religiösen. In der Kulturwissenschaft wie in der Religionssoziologie geht man ebenfalls von einer neuen Aktualität von Religion in Bezug auf den öffentlichem Diskurs aus; kulturwissenschaftliche Studien sprechen von einem „Nachleben der Religionen“, von der „Rückkehr der Religion“ oder von „Religiöser Wellness“, Pilgerreisen erleben einen Boom, Bibelparks und Ferien mit spirituellem Gehalt werden geplant - während Kirchen und Klöster sich zunehmend leeren und umfunktioniert werden. Das Erkenntnisinteresse des Projekts schlägt einen Bogen zwischen einer alten und ursprünglichen Verbindung, die Kunst mit Religion zusammenbringt die Verbindung zum Imaginären, Unsichtbaren, Heiligen - und sucht dafür die Anschlüsse in der Gegenwart. Kunst und Religion, so die These, sind beides Symbolsysteme, die das aufbewahren, was die moderne Wissensgesellschaft ausblendet und was sich deshalb umso mehr zurückmeldet. Es erscheint im Juli 2012 eine Publikation „Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen“ von Silvia Henke, Nika Spalinger und Isabel Zürcher. Flyer (pdf) Karte Projektpartner
![]() Kunstprojekt im öffentlichen Raum (Autorin: Anja Moers) Nika Spalinger / Silvia Henke / Anja Schwyzer / Eva-Maria Pfaffen |
Regie in Komplizenschaft | Regie in Komplizenschaft 2 – Labor für künstlerische Vermittlung Das Forschungsprojekt RIK Regie in Komplizenschaft – Labor für künstlerische Vermittlung befasst sich mit einer öffentlichen, generalistischen und kommunikativen Praxis von Künstlerinnen und Künstlern, welche direkt aus der Kunst heraus neue Räume und Formen von ‚Vermittlung’ erzeugen kann – als Auseinandersetzung mit Möglichkeiten des Austausches ohne pädagogischen Anspruch. Welche Bedeutung ein Bewusstsein für diese integrativen Vermittlungspotentiale im Arbeitsprozess und Werkverständnis der Künstlerinnen und Künstler hat und wie sie diese Schnittstellen und öffentlichen Handlungsfelder in eigener Regie und Verantwortung gestalten, ist Thema des praxisorientierten Forschungsprojektes. |
Kunstvermittlung in Transformation | Das Feld der ausserschulischen Vermittlung in der Schweiz transformiert sich aufgrund umfassender Verschiebungen der Kulturpolitik (neues Gesetz zur Kulturförderung), der Lehre (Einrichtung neuer Masterstudiengänge) und der Praxis („Vermittlungs-Boom“) aktuell in einer bislang nicht gesehenen Weise. Um die üblichen konkurrierenden Entwicklungen zu vermeiden und stattdessen innovativ zu den internationalen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in diesem Bereich beizutragen, wurde dieses Modellprojekt entworfen. „Kunstvermittlung in Transformation“ wird getragen durch eine Forschungsgruppe aus den vier Kunsthochschulen in Basel (HGK/FHNW), Bern (HKB/BFH), Luzern (Hochschule Luzern) und Zürich (ZHdK), sowie sechs Museen für zeitgenössische Kunst und Gestaltung in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz. Das Kunstmuseum Luzern als Praxispartner und die Hochschule Luzern realisieren im Frühlingsemester 2010 parallel zu den laufenden Ausstellungen während vier Monaten einen Projektraum für die Vermittlungsarbeit innnerhalb der Ausstellungszone. In einer kommunikativen und die Teilnehmenden mit ihrem Wissen einbeziehenden Grundstruktur werden ausgewählte Kunstwerke aus den jeweiligen Blickwinkeln der Teilnehmenden interpretiert und auf künstlerische Verfahren der Erkenntnisgewinnung hin untersucht. Dabei stehen folgende Fragen im Zentrum: Welche Raumsituationen tragen zu einer aktiven Auseinandersetzung mit Kunst bei? - Wie können künstlerisch forschende Verfahren genutzt werden, um verschiedene Sichtweisen auf Kunstwerke anschaulich zu machen? Welche Methoden künstlerischer Kunstvermittlung sind für die Museumsarbeit verallgemeinerbar? Gefördert vom Schweizer Nationalfonds. Projektstart: 1. Oktober 2009 |
Mapping-Tools zur Visualisierung von Potentialen und Szenarien in der Regional-entwicklung | Im Projekt soll evaluiert werden, wie mit Hilfe von datenbankgestützten Strategien der Darstellung von lokalen Problemen und Potentialen komplexe Prozesse der Regionalentwicklung besser erarbeitet und kommuniziert werden können und ob mit einer entsprechenden softwarebasierten Applikation in Kombination mit Beratungsangeboten eine Marktlücke erschlossen werden könnte. Strukturell betrachtet besteht die Projektidee darin zu prüfen, ob sich durch ein Zusammenführen von drei bislang weitgehend unabhängigen Entwicklungen ein neues, marktfähiges Produkt entwickeln lässt. Die drei Entwicklungen sind: 1) Veränderung der Kommunikationsbedürfnisse in partizipativen Prozessen der Entwicklung von Regionen oder neuen kulturellen und touristischen Angeboten (wie lassen sich unterschiedliche Potentiale und komplexe Zusammenhänge und Prozesse verständlich darstellen und kommunizieren); 2) technische Fortschritte im Bereich flexibler Datenbanklösungen mit Anbindung an Geo-Informationssysteme (GIS) und neue Visualisierungstools; 3) Entwicklung von Mapping-Ansätzen für die Visualisierung komplexer sozio-kultureller Prozesse in der Gestaltung und Kunst. |
| Kristallisationsorte der Schweizer Kunst der 1970er Jahre: Aarau – Genf - Luzern | Die Zeit um 1970 war eine Umbruchzeit in der Schweizer Kunst, nicht nur weil damals die Frage, was Schweizer Kunst überhaupt sei und wo der Platz der Künstlerinnen und Künstler in der Gesellschaft intensiv diskutiert wurden. Aufbruchstimmung markierten insbesondere zahlreiche Ausstellungen, am bekanntesten Harald Szeemanns When Attitudes Become Form (1969) in der Kunsthalle Bern. Die Auseinandersetzung mit den neusten Tendenzen der internationalen Kunst, das Experiment mit neuen Ausstellungsformen und die Förderung des heimischen Kunstschaffens fanden aber nicht nur in Bern statt, sondern an vielen anderen Orten: in Aarau, Genf und in Luzern. Das Kunsthaus Aargau unter der Leitung von Heiny Widmer, das von Adelina von Fürstenberg neu gegründete Centre d’art contemporain (cac) und das Kunstmuseum Luzern unter Jean-Christophe Ammann wurden zu eigentlichen Kristallisationsorten der Kunst. Wie entsteht ein solcher Kristallisationsort? Welche gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen und politischen Faktoren sind bestimmend? Sind oder waren ‚periphäre’ Orte besonders förderlich? Welche Rolle hat ein Kurator? Wie gestaltet sich das Zusammenspiel von Institution, (lokaler) Kunstszene und Kunstschule? Mittels Interviews mit Zeitzeugen schafft das Forschungsprojekt eine dichte Beschreibung und überprüft bestehende Erzählungen und Mythen. Beteiligte Organisationen: Centre d’art contemporain (cac); Genève, Ecole Cantonale d’Art du Valais (ECAV); Sierre, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta); ETH Zürich; Kunsthaus Aargau, Aarau; Kunstmuseum Luzern; Memoriav; Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA Julie Harboe (Gesuchstellerin) / Dora Imhof / Lucie Kolb / Sibylle Omlin / Melissa Rérat / Hilar Stadler / Miriam Sturzenegger |
Kunst-Architektur-Gesellschaft (Projekt im Rahmen des Interdisziplinären Schwerpunkts „Gebäude als System“) | Perspektiven zum interdisziplinären Zusammenspiel von Kunst und Architektur ausgehend von Gebäuden Gebäude definieren soziale Interaktionsformen und sind zugleich kulturelle Ausdrucksgestalten. Kunst kann als vermittelnde Instanz ein mitbestimmender Faktor sein, für die Beziehungen und Interaktionen zwischen dem Innen und Aussen eines Gebäudes und den Menschen, die das Gebäude bewohnen, benutzen und es sich aneignen. Gerade in den letzten zehn Jahren ist ein gesteigertes gegenseitiges Interesse der Architektur an den Verfahren der Kunst auszumachen, und viele Kunstschaffende scheinen sich wieder verstärkt mit architektonischen und städtebaulichen Thematiken und Fragestellungen zu beschäftigen. Die Zusammenarbeit von ArchitektInnen und KünstlerInnen hat augenscheinlich zugenommen und sich verändert. Sie manifestiert sich beispielsweise in spektakulären Kooperationen, die teilweise auch Mitwirkungsformen mit einschliessen. Das Projekt untersucht aus verschiedenen Perspektiven die Entwurfs- und Planungsverfahren in Architektur und Kunst und Formen der Zusammenarbeit zwischen diesen Disziplinen. In einer Vorstudie werden abgeschlossene Projekte aus dem regionalen, nationalen und internationalen Kontext betrachtet. Es werden Kriterien und Hypothesen erarbeitet, die den Fragestellungen des angestrebten Forschungsprojekts und den Untersuchungsanlagen (Fallstudien) der PraxispartnerInnen zugrunde gelegt werden können. Christoph Lang / Monika Litscher / Andri Gerber / Charlotte Tschumi |
Dialogische Planung und Entwicklung von komplexen Bauvorhaben am Beispiel „Lang-samverkehrs-achse Luzern Süd“ (Projekt im Rahmen des Interdisziplinären Schwerpunkts „Gebäude als System“) | In bestehenden baulichen Planungsverfahren (Wettbewerb, Testplanungen etc.) zeigen sich oftmals Schwierigkeiten, partizipative und interdisziplinäre Ansprüche an die Planung optimal in den Prozess einzubinden. Ziel des vorliegenden Projektes ist es zum einen ein Tool der dialogischen und interdisziplinären Planung und Entwicklung zu erarbeiten, welches die optimale Verankerung von partizipativen und interdisziplinären Ansätzen in baulichen Verfahren ermöglicht und für künftige Planungen und Entwicklungen angewendet werden kann. Dieses dialogische Verfahren soll in einem weiteren Schritt anhand des konkreten Planungsvorhabens „Langsamverkehrsachse Luzern Süd“, in Zusammenarbeit mit Studierenden von Master- und/oder ISAKursen der HSLU visualisiert, beschrieben und erprobt werden. Der Stadtrat von Luzern ist an diesem explorativen Verfahren zur Entwicklung eines dialogischen Tools und seiner Erprobung anhand der Planung und Entwicklung der „Langsamverkehrsachse Luzern Süd“ sehr interessiert. Im Sinne der Forschungsstrategie der Hochschule Luzern baut das Projekt auf dem Mehrwert der interdisziplinären Zusammenarbeit auf und setzt sich zum Ziel, Studierende im Rahmen des Praxistransfers direkt in das Forschungsvorhaben einzubinden, um sie in theoretischer wie praktischer Hinsicht auf die Komplexität ihrer zukünftigen Aufgaben vorzubereiten. |
| Exploring The New Face Of Uptown Kunming (Projekt im Rahmen des Interdisziplinären Schwerpunkts „Gebäude als System“) | Das Forschungsvorhaben zielt auf einen vertieften Beitrag zum Diskurs von Kunst im öffentlichen Raum in Verschränkung mit einer nachhaltigen Quartiersentwicklung auf Grundlage des beiliegenden Projekts in Kunming. Dabei geht es einerseits um die Erforschung der konkreten Form des städtischen öffentlichen Lebens und der Lektüre des chinesischen Stadtraums. Andererseits werden gesellschaftliche Transformationsprozesse und ihre Spiegelung im Wohnungsbau als bedeutendes Element in der Siedlungs- und Stadtentwicklung auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert. Kunst und Kultur sind Reflexionsmedien für gesellschaftliche Prozesse und menschliches Verhalten und stellen vor diesem Hintergrund ein zentrales Tool in dem Projekt dar. Dabei gehen wir von der Annahme aus, dass vorhandenes Wissen zu historischen und aktuellen chinesischen Praktiken der Aneignung und Herstellung von Raum im interdisziplinären und internationalen Dialog zu vertiefen und zu verweben ist, um dem Ziel einer nachhaltigen und qualitätsvollen Siedlungsplanung in einem weiteren Aspekt näher zu kommen. Unsere Praxispartner in Kunming planen und entwickeln erneut eine Grossüberbauung im schnell wachsenden Ostteil der Stadt. In Gesprächen (Dezember 2010) wurde das gegenseitige Interesse zwischen den erwähnten Firmen und unserer Hochschule zur Zusammenarbeit bekundet. Stephan Wittmer / Xinglai Yang / Angelika Juppien / NN |
WARM-GLOW* (Projekt im Rahmen des Interdisziplinären Schwerpunkts „Gesellschaftliche Sicherheit und Sozialversicherungen“) | Das Projekt WARM-GLOW* geht dem sich gegenwärtig vollziehenden Wandel des Tourismusbegriffs nach am Beispiel der in den letzten Jahren rasant gewachsenen Tourismusindustrie rund um die geschlossene Zone von Tschernobyl. Allein 2009 haben Presseberichten zufolge mehr als 10’000 Reisende aus der ganzen Welt das Sperrgebiet besucht. 2009 wurde das ungewöhnliche Reiseziel in den Angebotskatalog des Schweizer Reiseunternehmens Kuoni unter dem Label Ananea aufgenommen, das der Reiseanbieter in Zusammenarbeit mit der Wohltätigkeits-NGO Green Cross unter dem Titel "Eine berührende Studienreise" durchführt. Die besondere Verknüpfung von Reisen in Katastrophengebiete mit wohltätigen Bestrebungen, für die das Reiseangebot von Kuoni exemplarisch erscheint, stellt eine vermeintlich komplementäre Kombination dar, die in der heutigen Tourismuspraxis offenbar vermehrt an Bedeutung gewinnt: Die heute vermarkteten Reiseprodukte zielen nicht länger ausschliesslich darauf ab, die Sehnsucht der Kundschaft nach Auszeit in exotischen Umgebungen zu befriedigen, sondern stellen zunehmend das Eintauchen in die “unmittelbare”, “authentische” Realität ins Zentrum der angebotenen Reisedramaturgien. Doch welche Beweggründe animieren Menschen dazu, Reisen in Katastrophengebiete zu unternehmen, welche Risiken werden hierbei in Kauf genommen und welche gesellschaftlichen Tendenzen lassen sich an diesem Phänomen ablesen? * Der Begriff "Warm-Glow" wurde in den späten achtziger Jahren vom Ökonomen James Andreoni eingeführt, demzufolge altruistisches Verhalten letztlich einen Mehrwert für den Gebenden bewirkt, indem er ein gutes Gefühl und somit einen immateriellen Nutzen generiert. Es wird einem sozusagen warm ums Herz, wenn man hilft, spendet oder anderweitig altruistisch handelt. "Warm-Glow" ist, so Andreoni, letztlich auf ein egoistisches Motiv zurückzuführen. ![]() Bilder aus dem 2007 erschienen Computerspiel "S.T.A.L.K.E.R. - Shadows of Chernobyl" (aufgenommen von Florian Häberli) Marina Belobrovaja / Michael Doerk |





