Top of Experience - Die Kunst des Handelns in touristischen Erlebniswelten
An der Hochschule Luzern - Design & Kunst untersuchte ein Team von Künstler/innen, Kunst-, Kultur- und TourismuswissenschafterInnen Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Tourismus in alpinen Erlebniswelten. Dabei wurde festgestellt, dass touristische Erlebniswelten nicht nur von urbanen Akteuren und deren Expertisen kolonisiert wurden, sondern bereits längst eigenständige „Kunstformen" oder kunstähnliche Äußerungsformen hervorgebracht haben, die nicht mehr zwischen Populärkultur und Hochkultur unterscheiden und deren Qualitätsbewertung auch nicht von kunstwissenschaftlichen oder ökonomischen Kriterien sondern vielmehr von der jeweils spezifischen Akteurskonstellation der InitiatorInnen, der ProduzentInnen und ihres Publikums abhängig ist.
Auf der kunstbetriebsnahen Seite des Spektrums der untersuchten Projekte finden wir beispielsweise die Revitalisierung eines Grandhotels der Belle Epoche im Oberengadin durch einen Zürcher Millionenerben und Philanthropen, der dafür nicht nur international erfolgreiche „Stararchitekten" engagiert und das Hotel mit „Weltklasse-Kunst" aus einer Züricher Top Galerie möbliert, sondern auch das Umfeld des Hotels durch die Hinterlassenschaften von Artist in Residence Aufenthalten aufwerten lässt. Auf der tourismusbetriebsnahen Seite des Spektrums steht beispielsweise die performative Nachstellung von Hannibals historischer Alpenüberquerung am Rettenbachgletscher in Sölden in Tirol, initiiert von einem lokalen Seilbahnbetreiber, organisiert von einem lokalen Sporteventmanager, der dazu wiederum einen von Red Bull vermittelten Tanz- und Maschinentheaterexperten als Autor und Regisseur engagiert. Die Einbindung von über 400 lokalen DarstellerInnen, Pistenraupenfahrern, Bergrettung, SkilehrerInnen, Aerobictanzgruppen, aber auch von bekannten Schauspielern, Sportsgrößen und selbst Luftwaffenpiloten mit Helikoptern beeindruckt nicht nur die TouristInnen sondern bietet vor allem auch der lokalen Bevölkerung Anknüpfungspunkte zur Identifikation. Das Spektakel hat zudem am Ende der Saison auch die Funktion eines lustvollen „karnevalesken" Abschlussrituals.
Im bildungsbürgerlichen Milieu und im akademischen Kunstbetrieb wird das erstgenannte Beispiel mehrheitlich gewürdigt, das zweite mehrheitlich mit negativer Kritik bedacht. Diese Kritik lässt sich mit dem Abgrenzungsbedarf der Eliten zu den Alltagskulturen des Tourismus begründen, der sich im bildungsbürgerlichen Milieu hartnäckig hält. Aus dieser Perspektive werden touristische Attraktionen als Inbegriff kommodifizierter Kultur kritisiert. Dem Tourismus wird unterstellt, eine abstrakte, ausschließlich auf ökonomische Verwertung ausgerichtete Maschinerie zu sein, in dem bloss der „oberflächliche Schein", die „schlechte Inszenierung" und das „billige" Spektakel dominieren. Gleichzeitig erfahren aber Kunst, Architektur und Design seit einigen Jahren im Tourismus eine neue Hoch-Konjunktur, die weit über den eigentlichen „Kulturtourismus" hinausreicht Die Tatsache aber, dass diese neue Form der Kulturalisierung von touristischen Destinationen oft in erster Linie der Ausdifferenzierung eines neuen „Qualitätstourismus" für besser verdienende urbane Eliten dient, höhere Preise legitimiert und soziale Abgrenzungen nach sich zieht, wird hingegen kaum in Frage gestellt.
Auf der Basis dieser kulturellen Wertmassstäbe werden auch in den Kulturwissenschaften touristische Praktiken als bloß inszenierte Authentizität in vielschichtigen Bühnenlandschaften diffamiert, die eine Kommodifizierung oder gar Zerstörung lokaler Kulturen nach sich ziehen. Auch Arbeiten von KünstlerInnen über den touristischen Raum nehmen vorrangig eine solche Perspektive ein. Die Ambition, das Kunstpublikum gegen die Verführungen der Tourismusindustrie „immunisieren" zu wollen, legitimiert die überdeutlichen, ungeschminkten und oft auch skandalisierenden Darstellungen des touristischen Alltags. Es ließe sich aber auch argumentieren, dass diese Kritik dazu dient, sich selbst kulturell abzugrenzen und um sich seiner eigenen Praxis als reflektionsfähiger Metatourist zu vergewissern. Die Vorstellung, dass „gute" Kunst zur Steigerung der Qualität von Erfahrungen und Erlebnissen im Tourismus beitragen könnte, stammt denn auch meistens von den KunstexpertInnen selbst. Es existieren aber bekanntlich unterschiedliche Typologien des Tourismus, in denen dann auch „Kunst" jeweils anders eingesetzt und wahrgenommen wird.
Viel zu wenig wird dabei beachtet, dass touristische Räume und ihre Akteure eine eigendynamische und komplexe kulturelle Realität auszeichnet. In der Sphäre des ausseralltäglichen Erlebens - und dazu zählt längst nicht mehr nur der touristische Raum - gelten spezifische populär-kulturelle Regeln. Dabei spielt auch die Macht der KonsumentInnen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ihre Neigung zu regressivem Verhalten und körperbetonten Kommunikationstechniken, die gerade im Urlaub hervor bricht, verändert auch die Wahrnehmungsperspektive. So kann, was im Museum für gute Kunst gehalten wird, im Wellnessbereich eines Hotels als bloße - aber immerhin Distinktion fördernde - Dekoration gelesen werden. Und das überladene Spektakel auf dem Gletscher mag so manche der TouristInnen verwirrt haben, stattdessen aber die Dorfgemeinschaft erfolgreich zusammenschweissen.
Zudem zeigten sich in den untersuchten Projekten viele unterschiedliche Betriebssegmente, soziale Felder oder Milieus, die von sehr kleinteiligen Strukturen autodidaktischer lokal verorteter Bastler oder Peer Groups bis zu hoch professionalisierten und auch tatsächlich global operierenden Konzernen reichen können. Unser Interesse gilt genau diesem Spektrum von unterschiedlichen Professionalisierungsgraden sowohl im Feld der Kunst als auch im Feld des Tourismus. Ebenso interessant ist das Spektrum an Ortbezogenheit der an Kunstprojekten in touristischen Erlebniswelten beteiligten Akteursgruppen, denn je nach Zusammensetzung und Konstellation der Akteure wird deren Produktionsweise, Erscheinungsform und Kommunikationstechniken maßgeblich beeinflusst. Das „Lokale" ist immer - gerade in Kunst und Tourismus - überregionalen, transnationalen mitunter auch „globalen" Einflüssen ausgesetzt, und das „Globale" kann sich wiederum immer erst in seiner Verortung im Lokalen entfalten. Vor diesem Hintergrund sind die gegenseitigen vielfach von Missverständnissen geprägten Erwartungshaltungen und Funktionalisierungsabsichten des "Kunstbetriebes" an die „Tourismusindustrie" und der „Tourismusindustrie" an den "Kunstbetrieb" neu zu untersuchen.
Kunst & Tourismus - ein Forschungsprojekt über Kunstpraxen im touristischen Raum - ist eine Kooperation der Hochschule Luzern - Design und Kunst mit dem Institut für Tourismuswirtschaft (ITW) der Hochschule Luzern - Wirtschaft und dem Institut für Gebäudelehre der Architekturfakultät der TU Graz.
Mehr zu Abstracts und Biografien der Vortragenden

